Gen Z und ihre Eltern: Warum Soziale Medien ein Segen sind

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Veröffentlicht am 05.08.2022

Rund 99 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland sind täglich online. Ihre Nutzung Sozialer Medien hat dabei einen schlechten Ruf: Cyber-Mobbing, Einsamkeit, gestörte Selbstbilder, Radikalisierung und Missbrauch sind nur einige der Warnungen und Gefahren, über welche die Eltern der Generation Z täglich lesen können. Dennoch: Die Plattformen können ein Segen sein. Ein Plädoyer.

In unserer neuen Serie „Gen Z und ihre Eltern“ erkunden wir die Vorteile und Nachteile von Social Media für Jugendliche, was Plattformen und Gesetzgeber gegen Gefahren tun und vor allem: Wie sich die Eltern der Generation TikTok verhalten sollten. Wir starten mit einem Plädoyer für die Sozialen Medien.

Kontakt und Identität

In der Pandemie hat sich in der Diskussion um Schulschließungen wie in einem Brennglas noch einmal gezeigt, wie wichtig sozialer Austausch für Kinder und Jugendliche ist. Depressive Symptome sowie Ess- und Angststörungen nahmen zu. Die Lebenszufriedenheit von Schüler:innen sank um 21 Prozent, so Erhebungen von 2021.

Dabei hat sich der Austausch unter Gleichaltrigen großteils in das Digitale verschoben. Allein für den Onlineunterricht nutzten 82 Prozent der Schulkinder im ersten Jahr der Pandemie das Smartphone, PC oder Laptop zu 80 Prozent. Aber bot diese erzwungene digitale Wende auch Vorteile? Haben Soziale Medien als Schulhofalternative (oder -komplement) auch positive Effekte?

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Der regelmäßige und auch vertiefte Austausch mit Gleichaltrigen ist essenziell für die Entwicklung einer eigenen Identität. Zwar stellt die digitale Kommunikation alle vor Herausforderungen: Bei schriftlichen Nachrichten und selbst Video-Calls gehen Nuancen verloren. Doch gerade diese Hürde, so die Medienpsychologin Isabel Willemse, kann eine große Chance für Kinder und Jugendliche werden; nämlich eine Chance, klare und deutliche Kommunikation einzuüben.

Die Generation Z bildet ihre eigene Identität im Netz. Expert:innen der Medienerziehungs-Initiative SCHAU HIN erklären es so: Wer etwas über sich postet, seien es Fotos, Videos oder Text in Netzwerken, Messengern oder Blogs erhält Rückmeldungen von anderen. Viele finden so ihre „Community“, mit der sie Interessen und Hobbies teilen. Ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht – und damit Orientierung und Identität. Insbesondere bei Menschen mit schweren psychischen Krankheiten entsteht durch positives Feedback in Online-Gruppen nachweislich eine Verbesserung ihres mentalen Zustands.

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Aber auch das Gegenteil ist der Fall: Die Konfrontation mit fremden Ideen, Lebensformen, oder unterschiedlichen Persönlichkeiten wirken sich positiv auf die Jugendlichen aus, indem sie sich mit diesen Erlebnissen auseinandersetzen müssen und so auch ihre eigene Haltung entwickeln, formen und anpassen können. Sie müssen definieren, wo sie ihre eigenen Grenzen setzen, und wie sie sich mit ihrer Haltung von anderen abgrenzen. Studien zeigen, dass diese Form der Identitätsfindung vor allem bei Jugendlichen mit psychischen Problemen förderlich für die Bekämpfung ihrer mentalen Leiden sein kann.

Und das bestätigt auch einen allgemeinen Trend: Denn schon vor der Pandemie im Jahr 2018, gaben rund 39 Prozent der 13- bis 17-Jährigen in einer Studie der NGO common sense an, dass sie sich durch Soziale Medien weniger einsam fühlten, nur 13 Prozent meinten, dass sich ihre Einsamkeit durch die Plattformen verstärkt. Etwa 29 Prozent fühlten sich weniger depressiv, während nur 11 % das Gegenteil angaben.

In der Pandemie wurde aber nicht nur der Kontakt zu Gleichaltrigen durch die Nutzung von Social Media erleichtert, auch konnten Familienbindungen zum Beispiel durch Gruppenchats gestärkt werden. Und auch hier wurde der Aspekt der Abgrenzung entscheidend: Mit den Eltern im Home-Office und Schulunterricht mit Zoom im Wohnzimmer fehlte es oft an physischer Privatssphäre. Da boten Soziale Medien für Viele einen intimen Ersatzraum für Gespräche mit Freund:innen ohne die Beteiligung der Eltern.

Es hat sich gezeigt, dass wenn Erziehungsberechtigte ihren Kindern den Zugang zu Sozialen Medien in konstruktiver und offener Weise ermöglichen, diese lernen mit Verantwortung und Privatsphäre umzugehen. Studien aus der Kinderpsychologie offenbaren, dass sich dies nicht nur positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung fördert. Restriktive Strategien, also Social-Media-Verbote oder eine diktierte eingeschränkte Nutzung führen lediglich zur Verringerung der Nutzungszeit, nicht aber zu einem weniger risikoreichen Konsum.

Kreativität

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Plattformen wie Instagram, Tiktok oder auch Twitter ermöglichen der jüngeren Generation sich auszutauschen und dabei aber auch ihre eigene Kreativität auszuleben. Einerseits bieten Plattformen basierend auf Bild und Video, beispielsweise Instagram, Tiktok oder Snapchat, Jugendlichen die Möglichkeit ihre Gedanken, Gefühle und Meinungen digital zum Ausdruck zu bringen. Messenger-Dienste andererseits können gerade im Bereich von Kommunikationsskills Potential zur Weiterentwicklung bieten.

Für 27 Prozent der Jugendlichen sind soziale Medien für ihre Kreativität wichtig oder extrem wichtig. Zu diesem Ergebnis kam die oben genannte Befragung von common sense. Nicht zuletzt ist das besonders für vulnerable Gruppen bedeutend: Unter Jugendlichen, die sich als Queer identifizieren, Jugendlichen aus ärmeren Haushalten oder denjenigen mit Migrationshintergrund stellten nämlich gar 37 Prozent Soziale Medien als entscheidend für ihr kreatives Leben heraus.

Zudem konnte nachgewiesen werden, dass der Einfluss von Influencer:innen ebenso wie der durch Algorithmen hergestellte Fokus des Social-Media-Konsums auf Basis eigener Interessen entscheidende Vorteile bietet. Denn durch die dadurch entstehende Nischenorientierung der eigenen Kreativität entwickeln sich Fähigkeiten, die für den Arbeitsmarkt von wachsender Bedeutung sind. Sogenannte High Performers zeichnen sich vor allem durch diese spezialisierte Form der eigenen Kreativität aus.

Zivilgesellschaft und demokratische Partizipation

Mit Beispielen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future haben politische Bewegungen während der Pandemie vor allem durch den Meinungsaustausch und das Mobilisierungspotenzial der Sozialen Medien Fahrt aufgenommen. Nicht zuletzt war auch #metoo ein Hashtag. So finden politische Meinungsbildung und die Beteiligung an demokratischen Prozessen zunehmend auf digitalen Plattformen statt. Wer politisch motivierte und zivilgesellschaftlich engagierte Kinder großziehen möchte, kommt kaum um TikTok, Instagram und Co. herum.

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Politische Partizipation gestaltet sich hier auch oft inklusiver als offline: Ob Jugendliche in der Stadt, auf dem Land, in reichen oder in armen Vierteln leben, Soziale Medien bieten Informationen und politischen Austausch ohne finanzielle Gegenleistung und geografische Diskriminierung. Wer sich oft aufgrund äußerlicher Merkmale, wie seiner oder ihrer Hautfarbe, mit Vorurteilen und Exklusion konfrontiert sieht, kann in anonymen Foren Gelegenheit finden und Mut fassen zur politischen Teilhabe.

Nicht zuletzt bringen immer mehr zivilgesellschaftliche Organisationen neue Tools heraus, die erst durch ihre Anwendung in Sozialen Medien zur Entfaltung kommen oder genügend Reichweite erhalten. Chatbots gegen Diskriminierung, Supportgruppen, Trackingtools zur Vorhersage von Migration – das sind allein die Projekte, welche die Robert Bosch Stiftung fördert, um „Brücken statt Bubbles“ zu bauen.

Also alles gut?

Soziale Medien sind die neue politische Agora der Gen Z. Sie sind auch ein Ort der privaten Begegnung. Und ein Ort der Selbstfindung. Ein Netzwerk, das psychische Gesundheit fördern und weniger einsam machen kann. Die Welt der Algorithmen, Influencer:innen, Kommentarspalten ist aber vor allem eines: unumgänglich.

Die jüngste Generation, die ersten digital natives der Menschheitsgeschichte müssen in dieser Sphäre den richtigen Umgang mit einer Realität finden, die ihre Eltern oft überfordert. Wenn es gut läuft, werden die Plattformen Quellen des Wohlbefindens und der erfolgreichen persönlichen Entwicklung. Wenn es schlecht läuft, sind sie gefährlich.

In unserer Serie „Gen Z und ihre Eltern“ werden wir nach diesem Plädoyer für die Sozialen Medien auch die Gefahren für die Gen Z beleuchten, ausloten, wie es um die Gesetzeslage und das Verhalten der Plattformen steht, Medienexpert:innen befragen und Tipps für Eltern sammeln. Wir fragen uns: Wie steht es um die Generation TikTok und ihre Eltern?

Mehr Informationen:

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