#DataDebates: Künstliche Intelligenz mit europäischen Werten

Foto: Henrik Andree
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Veröffentlicht am 18.09.2018

Egal wie die Entwicklung sein wird, denken Sie weiterhin selbst!“, sagte der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am vergangenen Dienstag bei der Eröffnung der Tagesspiegel Data Debates. Die nächsten drei Jahre seien entscheidend für die Festlegung der gesellschaftlichen Regeln beim Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI). Wir sollten die neue Technik positiv sehen, ihre Chancen erkennen und unser Leben damit gestalten. Deutschland brauche jetzt eine ethisch-moralische Debatte über KI

Ich will, dass künstliche Intelligenz hier stattfindet und mit europäischen Werten entwickelt wird“, sagte Klingbeil bei der Podiumsdiskussion im Telefónica BASECAMP. „KI wird darüber entscheiden, wo es in den nächsten Jahren Wachstum gibt und Arbeitsplätze entstehen, erklärte der SPD-Generalsekretär. Bis 2030 dürfte ihr Einsatz das weltweite Bruttoinlandsprodukt viermal so stark steigern, wie es die Dampfmaschine in den ersten Jahren nach ihrer Erfindung vermochte: um 1,2 Prozentpunkte pro Jahr, haben Forscher des McKinsey Global Institute berechnet. KI soll in den nächsten zwölf Jahren eine zusätzliche Wertschöpfung von bis zu 13 Billionen US-Dollar generieren.

Richard Benjamins: KI benötigt soziale Akzeptanz

Europa müsse KI aber stärker auf Basis „unseres Wertekomplexes“ gestalten, um den privatwirtschaftlichen Ansätzen der USA und staatlichen Lösungen aus China etwas entgegenzusetzen, sagte Lars Klingbeil. Nicht alles, was technisch möglich ist, solle auch getan werden. Künstliche Intelligenz dürfe beispielsweise nicht über Recht und Unrecht entscheiden oder in der Kriegführung bestimmen. „Bei KI geht es nicht nur um die Geschwindigkeit, sondern auch um soziale Akzeptanz“, erklärte deshalb Richard Benjamins. Zwar liege heute China bei der Entwicklung vorn, sagte der Data & Artificial Intelligence Ambassador des weltweiten Telefónica-Konzerns, aber die Lösungen von dort seien für andere Länder kaum akzeptabel.

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Richard Benjamins. | Foto: Henrik Andree

Es ist gut, mit persönlichen Daten vorsichtig umzugehen“, erklärte der Experte für künstliche Intelligenz, der sich seit über 20 Jahren mit diesem Thema beschäftigt. Deshalb seien auch die neuen Vorschriften der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) kein Nachteil für Firmen aus Europa. Sie würden langfristig sogar helfen, bessere Lösungen zu entwickeln, die schneller akzeptiert werden. Telefónica verwende KI auch, um die Vereinten Nationen bei der Erfüllung ihrer Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen. Sie erkenne beispielsweise aus anonymisierten Mobilfunkdaten, wo sich ansteckende Krankheiten wie Zika oder Ebola ausbreiten. Man solle bei KI nicht nur auf Risiken schauen, fordert Richard Benjamins. Sondern immer auch erwägen, welchen Risiken die Gesellschaft ohne die Nutzung von künstlicher Intelligenz ausgesetzt ist.

Isabella Hermann: KI als ethischer Imperativ

In manchen Fällen sei künstliche Intelligenz geradezu ein „ethischer Imperativ“, sagte Isabella Hermann. KI würde das Leben vor allem verbessern, erklärte die Koordinatorin des Forschungsprojektes für Verantwortung im digitalen Zeitalter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Und wenn es um die Erkennung von tödlichen Krankheiten gehe, sei es einfach „nicht zu verantworten, die künstliche Intelligenz dafür nicht einzusetzen„.

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Foto: Henrik Andree

Statt in „Horrorszenarien“ zu denken, solle man lieber konkrete Auswirkungen untersuchen. Durchaus problematisch sei beispielsweise eine mögliche „Diskriminierung durch Daten“ in der vorausschauenden Polizeiarbeit: Wenn die künstliche Intelligenz bestimmten Bevölkerungsgruppen eine höhere Wahrscheinlichkeit für das Verüben von Straftaten zuweist, weil sie vorher mit Daten trainiert wurde, die durch Vorurteile verzerrt sind. Firmen wie IBM und Accenture würden deshalb bereits an Algorithmen arbeiten, die solche systematischen Verzerrungen erkennen und wieder herausrechnen.

Ralf Herbrich: KI ermöglicht bessere Entscheidungen

Künstliche Intelligenz soll uns vor allem helfen, bessere Entscheidungen zu treffen“, erklärte Ralf Herbrich, der Leiter des weltweiten Forscher- und Entwicklerteams für KI beim Online-Riesen Amazon. Sie sei ein „Hilfsmittel für die Automatisierung“ mit der Aufgabe, „aus unübersichtlichen Daten die Regelmäßigkeiten zu extrahieren“. Dabei wurden in den vergangenen Jahren erstaunliche Erfolge erzielt: Für die Gesichtserkennung müsse man heute keine komplizierten Expertensysteme mehr programmieren, denn die Maschinen bringen sich das selbst bei. Sie lernen wie Kinder und seien in diesem Bereich schon genauso gut wie Menschen.

Allerdings können die Maschinen immer nur „in einer festen Domäne“ lernen, die von Menschen bestimmt wird, sagt Herbrich. Eine künstliche Intelligenz zum Go-Spielen könne keine Gesichter erkennen und bei „hochkomplexen Aufgaben“ seien Menschen sowieso klar im Vorteil. Bei Amazon würden KI-Systeme hauptsächlich verwendet, um regelmäßige Vorgänge zu automatisieren oder menschliche Entscheidungen wie den Einkauf von Millionen neuer Produkte zu unterstützen. Es handle sich um Hilfsmittel, „die uns produktiver machen“. An solchen Stellen lassen sich bereits die gewaltigen Produktivitätsfortschritte erkennen, die McKinsey prognostiziert hat und die Lars Klingbeil auch in Deutschland sehen will.

Mehr Informationen:

Klingbeil: „Lieber leidenschaftlich über KI streiten als über Flüchtlinge“ (heise.de, 12.09.2018)
Lars Klingbeil: „Egal wie die Entwicklung sein wird, denken Sie weiterhin selbst!“ (tagesspiegel.de 12.09.2018)
KI-Debatte im Telefónica BASECAMP: Mensch muss oberste ethische Instanz bleiben (blog.telefonica.de, 13.09.2018)

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