Digitale Souveränität: Technologie-Investitionen und offene Standards

Veröffentlicht am 02.04.2021

Die EU hat einiges zu tun aber weiterhin gute Chancen, ihre digitale Souveränität zu stärken, betonen die Autor:innen einer neuen acatech-Publikation um die Vorsitzende des Digitalrates der Bundesregierung, Katrin Suder. Von der Rohstoffversorgung, über die digitale Infrastruktur und Softwarelösungen bis hin zum Rechtssystem gelte es jedoch entschieden zu handeln. Im Bereich der Telekommunikation identifizieren die Autor:innen den Open-RAN-Ansatz als zentralen Hebel für mehr Souveränität.

„Europa muss seine digitale Souveränität stärken, um den Herausforderungen der Zukunft besser begegnen zu können.“ Das war eine Kernaussage des Programms der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Entsprechend machte sich die Bundesregierung daran, die digitale Souveränität als Leitmotiv der europäischen Digitalpolitik zu etablieren. Souveränität hat etwas mit Unabhängigkeit und der Möglichkeit zu selbstbestimmtem Handeln zu tun. Aber wie genau ist der Begriff der Souveränität in Hinblick auf die Digitalisierung und die Digitalpolitik in Europa zu verstehen? Und was genau folgt daraus wiederum für Politik und Wirtschaft?

Einen Antwortversuch liefert die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in einem neuen Impulspapier. Darin werden acht mit einander verwobene Ebenen digitaler Souveränität identifiziert und erste Handlungansätze präsentiert. Betrachtet wird alles von den Rohmaterialien und Vorprodukten, über die Telekommunikationsinfrastruktur bis zum Rechts- und Wertesystem der Europäischen Union. Dabei wird digitale Souveränität als die Fähigkeit von Individuen, Unternehmen und Politik verstanden, „frei zu entscheiden, wie und nach welchen Prioritäten die digitale Transformation gestaltet werden soll“.

Entschlossenes und strategisches Handeln gefragt

Aktuell konstatieren die Autor:innen des Papiers, dominieren quer durch alle Anwendungsbereiche Plattform- und Cloud-Anbieter von außerhalb der EU. Und sie warnen: „Sollte es digitalen außereuropäischen Hyperscalern gelingen, neben ihrer Dominanz in den Konsumentenplattformen auch in den industriellen Datenräumen eine vorherrschende Position zu erlangen, hätte dies gravierende wirtschaftliche Konsequenzen und würde die Spielräume digitaler Souveränität empfindlich einschränken“. Für einen selbstbestimmten europäischen Weg in die Digitalisierung sei es aber noch nicht zu spät, denn industriell geprägten Unternehmen falle es leichter, sich zu digitalisieren, als dass es Digitalunternehmen gelingt, industrielle Wertschöpfung aufzubauen.

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Nichtsdestotrotz sei jetzt entschlossenes strategisches Handeln auf allen identifizierten Ebenen der digitalen Souveränität gefragt. Dazu zählen die Autor:innen die Versorgung mit Rohmaterialien und Vorprodukten, den Komponentenbau, die Kommunikationsinfrastruktur, die Technologieentwicklung und den Rollout in den Bereichen Infrastructure-as-a-Service (IaaS) und Platform-as-a-Service (PaaS), den Aufbau Europäischer Datenräume, die Entwicklung von Softwaretechnologien sowie das hiesige Rechts- und Wertesystem. Mehr digitale Souveränität kann aus Sicht der Expert:innen nur gelingen, wenn das Zusammenspiel all dieser Ebene sowie verschiedener Technologien angemessen berücksichtigt wird. Ihr Papier sehen sie daher auch nur als ersten Impuls und fordern eine vertiefte Betrachtung aller acht Ebenen, um einen konkreten Handlungsrahmen abstecken zu können.

Investieren und Lock-in-Effekte aufbrechen

Generell gelte es aber, bereits jetzt in die jeweils nächste Generation digitaler Technologien zu investieren, „Lock-in-Effekte“ bei einzelnen Technologien durch offene Standards, Interoperabilität, Portabilität und Kommodifizierung aufzubrechen sowie für Wachstum in für Europa strategisch wichtigen Bereichen zu sorgen, um dem Ziel digitaler Souveränität näher zu kommen. In vielerlei Hinsicht, so die Autor:innen von acatech, zahle also eine Agenda für „Innovation, Zukunftsfähigkeit und Wohlstand“ auch auf das Konto der digitalen Souveränität ein.

Anhand der digitalen Infrastruktur lässt sich gut verständlich machen, welchen Herausforderungen Europa aktuell gegenübersteht und was es praktisch bedeutet, eine stärkere digitale Souveränität anzustreben. Die kritischen Bereiche der europäischen Kommunikationsinfrastruktur sind die Breitbandnetze – sowohl das Fest- als auch das Mobilfunknetz – sowie die satellitengestützte Navigation. Bei letzterer hat Europa mit dem Galileo-Satellitennavigationssystem eine Alternative zum amerikanischen GPS und den chinesischen und russischen Pendants aufgebaut. Im Bereich der Mobilfunkzugangsnetze bestehen aktuell jedoch große Abhängigkeiten. „Während in Europa weit über hundert Mobilfunkanbieter existieren, ist die Anzahl der weltweit zur Verfügung stehenden Technologielieferanten pro Kategorie sehr klein“, unterstreichen die Autor:innen.

Open-RAN als Lösung für den Mobilfunk

Entsprechend gehe es darum, die Zahl der potenziellen Lieferanten von Komponenten für die Mobilfunkzugangsnetze zu vergrößern. Diese Radio Access Networks (RAN) bestehen aus Funkzellen mit Antenne, Funkeinheiten/Radio Units und Basiseinheiten/Baseband Units. Huawei dominiert derzeit auf dem Weltmarkt – europäische Hersteller sind Ericsson und Nokia. Gleichzeitig sind die einzelnen Komponenten der Hersteller nicht mit einander kombinierbar, da die Unternehmen proprietäre Standards verwenden. Eine Funkzelle von Huawei kann also nicht in Verbindung mit einer Funkeinheit und einer Basiseinheit von Nokia oder Ericsson genutzt werden. Dies, schreiben die Expert:innen, führe „zu unerwünschten Lock-in-Effekten, hemmt die Innovationskraft und reduziert die Flexibilität bei der Umstellung auf aktuelle und zukünftige Mobilfunkstandards (5G, 6G)“.

Open-RAN bietet einen herstellerneutralen und flexiblen Ansatz für den Aufbau der Mobilfunknetze.

Die Lösung dafür sei der Ansatz des Open Radio Access Network (Open-RAN). Dessen Ziel sind offene Standards und Schnittstellen und damit auch eine offene Netzwerkarchitektur, die die Kombination der Komponenten einzelner Hersteller ermöglicht. Auf diese Weise könnten Abhängigkeiten von einzelnen Zuliefererunternehmen reduziert und Marktchancen für neue Netzwerkausrüster geschaffen werden. Open-RAN wird von Netzbetreibern auf der ganzen Welt vorangetrieben – unter anderem in der O-RAN Alliance. Die Einführung einer Open-Ran-Architektur in Deutschland sei aber ein Prozess, der sich „über viele Jahre erstrecken wird“. Dies, so die Autor:innen, liege zum einen daran, dass „die Einführung von Open-RAN-kompatiblen Netzkomponenten nur schrittweise realisierbar“ sei. Zum anderen müssten die aktuell dominanten Netzwerkausrüster dazu gebracht werden, zu kooperieren und ihre Schnittstellen offenzulegen, damit ihre verbauten Komponenten in einer künftigen Open-RAN-Architektur weiter genutzt werden könnten. Erste Open-RAN Projekte sind bereits bei Telefónica in Deutschland im O2-Netz in Betrieb, die den breiteren Einsatz vorbereiten sollen.

Aus Sicht der Expert:innen von acatech würde sich der Einsatz für Open-RAN auszahlen, denn „ein vollständig offener Open-Source-Ansatz würde Innovation (zum Beispiel 6G), Wettbewerb, Resilienz und Transparenz im Bereich Mobilfunk fördern“.

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