Digitale Souveränität: Europas Verteidigung im Cyberzeitalter
Zukunftstechnologien werden die Verteidigung in Europa grundlegend verändern, von KI-gestützten Drohnen über vernetzte Cyberabwehr bis hin zu Quantentechnologien und resilienten Infrastrukturen. Entscheidend wird sein, ob Europa diese Technologien nicht nur importiert und nutzt, sondern auch strategisch mitgestaltet. Damit stellt sich vor allem die Frage, wie ernst wir unsere digitale Souveränität und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit nehmen wollen.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und auch der aktuelle Konflikt im Iran machen Tag für Tag deutlich, wie sehr sich die Praxis der modernen Kriegsführung verändert hat: Drohnen, Sensorik und Software sind heute mindestens ebenso kriegsentscheidend wie konventionelle Systeme wie Panzer oder Artillerie. Zukunftsfähige Verteidigungsfähigkeit bedeutet deshalb, vernetzte Systeme zu entwickeln, die Informationen in Echtzeit erfassen, auswerten und in Handlungsoptionen übersetzen können.
Gleichzeitig verschiebt sich maßgeblicher Teil der kriegerischen Auseinandersetzungen in den Cyber- und Informationsraum: Kritische Infrastrukturen, Satelliten, Kommunikationsnetze und Datenplattformen werden zu strategischen Zielen und damit selbst vermehrt zur Aufgabe von Verteidigung.
KI, Drohnen und vernetzte Systeme
Kaum eine Technologie steht so sehr für die Zukunft der Verteidigung wie künstliche Intelligenz. Konkret wertet sie Sensordaten aus, erkennt Muster in feindlichen Bewegungen und unterstützt Entscheiderinnen und Entscheider dabei, in Sekunden zu reagieren. Dass dies bereits in aktuellen Konflikten eine entscheidende Rolle spielt, zeigen die jüngsten Ereignisse im Iran.

Im Zusammenspiel mit unbemannten Systemen entstehen neue Fähigkeitsprofile: Drohnen, die Ziele identifizieren, stören oder bekämpfen, sowie autonome Plattformen zu Land, zu Wasser und in der Luft. Unternehmen wie das deutsch-französische KI-Start-up Helsing setzen dabei auf Systeme, die gegnerische Drohnen erkennen und abwehren, während Aufklärungssatelliten und Sensoren an der NATO-Ostflanke zu einem „Drohnenwall” vernetzt werden sollen. Auch im defensiven und medizinischen Bereich entstehen Innovationen, wie etwa unbemannte Verwundetentransporte, die das Risiko für helfende Kameraden reduzieren, von Herstellern wie ARX Robotics.
Wer vernetzte, KI-gestützte Verteidigung beherrscht, kann Streitkräfte über alle Dimensionen hinweg koordinieren, von Landoperationen über Luftverteidigung bis zur elektronischen Kampfführung.
Vernetzte Technologien spielen dabei nicht nur für militärische Operationen eine Rolle. Auch im Katastrophenschutz gewinnen sie an Bedeutung, etwa wenn mobile Kommunikationsnetze oder Mobile Ad-Hoc Networks (MANETs) eingesetzt werden, um Einsatzkräfte auch dann miteinander zu verbinden, wenn klassische Infrastruktur ausgefallen ist.
Cyberabwehr als Kernfähigkeit
Wie so oft bei Transformationsfragen, ist die zunehmende “Cyber-isierung” der Verteidigung ein zweischneidiges Schwert: Mit jeder zusätzlichen Komponente, die ins Netz gebracht wird, wächst auch die Angriffsfläche. Studien zeigen, dass KI nicht nur in der Verteidigung genutzt wird, sondern auch Angriffe automatisiert, etwa durch agentische Systeme, die selbstständig Schwachstellen ausnutzen.

Die “EU-Cyber-Census 2025” beschreibt deshalb den Aufbau gemeinsamer Cyberabwehrfähigkeiten als zentrale Säule europäischer Verteidigungspolitik. Im Mittelpunkt stehen koordinierte Übungen, gemeinsame Lagebilder und der Aufbau eines europäischen Verteidigungsökosystems, das zivile und militärische Kapazitäten enger verzahnt. Verschlüsselung „by design“ und vorausschauende, KI-gestützte Abwehrsysteme gelten dabei als Schlüsseltechnologien, um kritische Infrastrukturen widerstandsfähiger zu machen.
Dual-Use und disruptive Technologien
Ein Blick in aktuelle Technologieprognosen zeigt: Viele Zukunftstechnologien sind klassische Dual-Use-Innovationen. Sie werden zunächst im zivilen Kontext entwickelt und später auch militärisch eingesetzt, oder umgekehrt. Das betrifft etwa KI, hyperspektrale Bildgebung oder Edge Computing, die sowohl in der Industrie 4.0 als auch in der Aufklärung oder Zielerkennung eingesetzt werden.
Daneben identifizieren Expertinnen und Experten disruptive Technologien, die bestehende Machtverhältnisse verändern können: Quantensensorik und Quantenkommunikation versprechen extrem präzise Lagebilder und abhörsichere Verbindungen, während autonome Waffensysteme die Geschwindigkeit und Reichweite militärischer Operationen massiv steigern. „Zukünftige Verteidigungssysteme sind nur so stark wie ihr digitales Rückgrat“, fasst es das VDI-Technologiezentrum in einem Research Paper zusammen. Dabei ist die nahtlose Integration von Software, Daten und Plattformen gemeint.
Europas Suche nach technologischer Souveränität
Die Debatte über Zukunftstechnologien der Verteidigung ist eng mit der Frage digitaler Souveränität verknüpft. Europa ist bei einem Großteil seiner kritischen digitalen Technologien noch immer abhängig von US- und chinesischen Anbietern.
Beim europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität im vergangenen Jahr betonten Deutschland und Frankreich, dass kritische Daten künftig innerhalb der EU verarbeitet werden sollen und Open-Source-Lösungen in Verwaltung und Behörden ausgebaut werden müssen. Parallel entstehen neue Netzwerke wie das European Network for Technological Resilience and Sovereignty (ETRS), die technologische Abhängigkeiten analysieren und Strategien für mehr Unabhängigkeit entwickeln.
Gerade im Verteidigungsbereich geht es damit nicht nur um Technologie, sondern um Machtfragen: Wer kontrolliert Updates, Datenflüsse und Plattformen, aber vor allem wer kann sie im Zweifel als politisches Druckmittel nutzen?
Ethik, Regulierung und zivilgesellschaftliche Debatten
Mit dem technologischen Fortschritt wächst auch der Bedarf an klaren Regeln und gesellschaftlichen Leitplanken. Kampagnen gegen das Verbot vollständig autonomer Waffensysteme, Transparenzanforderungen für KI und den Erhalt menschlicher Kontrolle über Gewaltanwendung prägen zunehmend die sicherheitspolitische Agenda.
Zivilgesellschaftliche Organisationen warnen zugleich vor einer „Deregulierungsagenda“, die verteidigungspolitische Interessen mit dem Abbau von Datenschutz- und KI-Schutzstandards begründen. Die Herausforderung besteht darin, technologische Innovationskraft mit demokratischer Kontrolle zu verbinden und so eine Verteidigung aufzubauen, die nicht nur effektiv und zukunftsfähig, sondern auch ethisch vertretbar ist.
Was jetzt zu tun ist
Digitale Souveränität bemisst sich letztlich auch daran, ob Politik und Gesellschaft anerkennen, dass öffentliche Kommunikationsnetze für den stabilen Alltag konzipiert sind und Krisen- und Verteidigungsfähigkeit daher gezielt durch ergänzende, dafür ausgelegte Strukturen und klare staatliche Verantwortung abgesichert werden müssen.
Für Politik, Wirtschaft und Forschung zeichnen sich drei strategische Handlungsfelder ab. Erstens geht es um den Ausbau eines eigenen europäischen Innovationsökosystems für Verteidigungstechnologien, das systematisch Dual‑Use‑Potenziale nutzt und sowohl Start‑ups als auch etablierte Unternehmen einbindet.
Zweitens rückt die Stärkung gemeinsamer Cyberabwehr und digitaler Infrastrukturen in den Fokus. Das reicht von sicheren Netzen über Cloud‑ und Datenplattformen bis hin zu resilienten Kommunikationssystemen.
Zuletzt braucht es klare ethische und rechtliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI und autonomen Systemen in der Verteidigung, die in internationale Abkommen eingebettet sind und damit über den europäischen Rahmen hinaus Orientierung geben.
Event-Hinweis:
Am 26. März werden Markus Rolle, Jan-Wilhelm Pohlmann, Jan Köstering, Christian Fischbach, Matthias Lehna und Fiene Oswald (Moderation) zu Gast bei BASECAMP_Debate sein, um zum Thema „Vernetzte Sicherheit – Innovationen für Verteidigung und Katastrophenschutz“ zu diskutieren.
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