Sparta 2.0: Der Fahrplan für Europas eigenständige Verteidigung

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Veröffentlicht am 16.09.2026

Könnte Europa sich im Ernstfall allein verteidigen? Bislang lautet die unbequeme Antwort “nur bedingt”. Zwar leisten die europäischen Mitgliedstaaten die weltweit zweithöchsten Verteidigungsausgaben, doch entlang der gesamten militärischen Wirkungskette bleiben sie trotzdem stark von den USA abhängig. Um diese Lücke zwischen Ausgaben und Fähigkeiten zu überwinden, legt ein Expertenkreis des Kiel Instituts mit Sparta 2.0 einen europäischen Fahrplan vor. Anhand der Benennung von zehn strategischen Fähigkeitslücken und Schlüsselprogrammen soll Europas Verteidigungsautonomie gestärkt werden. Diese sei technologisch umsetzbar und auch finanzierbar, der eigentliche Engpass ist also der (fehlende) politische Wille. Wie genau Deutschland und Europa diese sicherheits- und verteidigungspolitische Zeitenwende einläuten sollen, haben wir mit Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft (öffnet in neuem Tab)besprochen.

Der Ernst der sicherheitspolitischen Lage ist inzwischen allen Mitgliedstaaten klar. Seit 2020 verzeichneten die europäischen Mitgliedstaaten einen Anstieg der Verteidigungsausgaben um knapp 80 % (öffnet in neuem Tab). Doch das Wachstum an Mitteln lässt sich (noch) nicht in eigenständige Handlungsfähigkeit übersetzen. Dass das, angesichts der multiplen und immer konkreter werdenden Angriffe gegen Deutschland und Europa (öffnet in neuem Tab), ein überaus dringliches Problem ist, ist nicht schwer zu deuten. Um diesem Phänomen entgegenzusetzen, veröffentlichten Jeannette zu Fürstenberg, Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Thomas Enders, Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, im Mai ein Papier namens Sparta 2.0. (öffnet in neuem Tab) Wie der martialische Name andeutet, entwirft das Strategiepapier einen Plan, der mittelfristig Europas Verteidigungs- und Sicherheitslücken schließen soll. 

Es ist nicht das Geld, das fehlt

Neben der Beschreibung von zehn Handlungsfeldern, von militärischer Cloud über Satellitenaufklärung bis hin zu Luftverteidigung, beschreibt das Papier konkrete Schlüsselprogramme die, darauf ausgerichtet sind, bis zum Jahr 2029 erste Wirksamkeiten zu erreichen. Um wesentliche Fortschritte bereits in den nächsten drei bis fünf Jahren zu erzielen, rechnen die Experten und Expertinnen mit Mehrkosten von knapp 50 Milliarden Euro pro Jahr. (öffnet in neuem Tab)Was auf den ersten Blick nach einer gewaltigen Summe klingt, wird beim genauen Lesen des Papiers schnell relativiert. Konkret entsprechen nämlich die rund 500 Milliarden Euro die im nächsten Jahrzehnt die existierende Lücke schließen sollen, einem Drittel des sowieso geplanten Zuwachses des europäischen Verteidigungsbudgets (von 200 Milliarden Euro) und damit gerade einmal 0,25 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung. 

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Dass die Frage der Kosten zweitrangig ist, hebt Dr. Thomas Enders (öffnet in neuem Tab), Mitverfasser des Papiers hervor: “Sparta 2.0 (…) zeigt auf, dass weitgehende europäische Unabhängigkeit in wenigen Jahren herstellbar ist, zu einem Preis, der aus dem geplanten Budgetaufwuchs finanziert werden kann. Die Botschaft ist: Der Engpass ist weder Geld noch Technologie. Es ist der politische Wille, europäisch zu agieren, Entscheidungen zu treffen und diese dann auch schnellstmöglich und pragmatisch umzusetzen.” 

Zehn Schlüsselprogramme zur europäischen Autonomie

Wer die Liste der Schlüsselprogramme durchgeht, erkennt schnell ein Muster. In einem Großteil der Programme geht es weniger um Fragen der Panzerbeschaffung und Geschütze als um Maßnahmen der Softwareentwicklung, Datenmodellentwicklungen und die Entwicklung von Frühwarnsystemen. Die Liste zeigt: Ein Aufstocken der Verteidigungspolitik findet inzwischen vor allem anhand der Entwicklung neuer Datensystemen, künstlicher Intelligenz und der Automatisierung von Systemen statt. 

Das gilt umso mehr, als die neue Militärstrategie der Bundeswehr (öffnet in neuem Tab) auf Informationshoheit, Multi-Domain-Operations und Wirkung auf Abstand setzt. Alle drei Prinzipien funktionieren nur, wenn Sensoren, Führungsebenen und Effektoren in Echtzeit, sicher und störungsfest miteinander sprechen. Was bereits früher schon galt, ist mit der Zeitenwende der europäischen Sicherheitspolitik nun so klar wie noch nie: Verteidigungsfähigkeit funktioniert nur mit Kommunikations- und Infrastrukturfähigkeit.

Dass hier Tempo möglich ist, führt das Papier am ukrainischen Battlefield-Management-System Delta (öffnet in neuem Tab)vor: Was dort innerhalb von 18 Monaten aufgebaut wurde, ist heute außerhalb der USA das leistungsfähigste System seiner Art. Das Gefechtsfeldmanagementsystem, welches in Echtzeit alle wichtigen Daten des Schlachtfeldes auf einer digitalen interaktiven Karte visualisiert, erlaubt unter anderem die Koordination von Drohnen und damit eine präzisere Einsatzplanung. 

Fragmentierung verhindert effiziente Verteidigungspolitik

Das eigentliche Hindernis der aktuellen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (inklusive Norwegen und dem Vereinigten Königreich) liegt laut den Verfassern des Strategiepapiers in der Zersplitterung der europäischen Verteidigung: rund 70 Prozent der Verteidigungsausgaben liegen aktuell bei den zehn größten Rüstungskonzerne, während der Vorreiter der Sicherheitspolitik, die USA, bei unter 30 Prozent liegen. Gleichzeitig betreibt das europäische Bündnis ganze 14 verschiedene Panzertypen, 15 verschiedene Kampfjets und ein buntes Nebeneinander an Kommandosystemen

Diese Zersplitterung bleibe nicht folgenlos, denn Fragmentierung vernichte Skaleneffekte und macht ergo auch ein effizientes Management schwieriger. Laut Analysen (öffnet in neuem Tab) erzielt Europa 30 bis 40 Prozent weniger Fähigkeiten pro investiertem Euro als ein konsolidierter Staat. Dass diese Fragmentierung zwar wettbewerbsfördernd, aber nicht unbedingt effizient ist, zeigt sich unter anderem auch in der Digitalbranche, die seit Jahren für eine Harmonisierung von Telekommunikationsregularien wirbt. Auch René Obermann, früherer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom und Co-Autor des Strategiepapiers, fordert bessere Verzahnung von Verteidigungsautonomie und Kommunikationskompetenz.

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Inhaltlich liegen die Anknüpfungspunkte also auf der Hand: Wer sichere, belastbare Netze und Rechenzentren bereitstellt, liefert die Grundlage für Informationshoheit. Hinzu kommt der Dual-Use-Gedanke, den das Papier ausdrücklich fordert. Konkret sollen zivile Technologien systematisch einbezogen und die Eintrittsbarrieren für neue Anbieter gesenkt werden. Den Investitionsaspekt betont vor allem Jeannette zu Fürstenberg. Dabei verweist sie auf eine Generation europäischer Gründerinnen und Gründer, die technologisch führende Souveränitätsunternehmen aufbauen sollen. Damit dies gelinge, müsse man Mut mitbringen, „ihnen zu vertrauen und das Kapital dorthin zu lenken, wo es strategische Unabhängigkeit schafft.” 

Damit dieses Kapital wirken kann, verlangt das Papier einen Paradigmenwechsel in der Beschaffung und skizziert dafür fünf Wege:

  1. “Show before you buy”: Priorisierung von Prototypen-Wettbewerben 
  2. Outcome-Belohnung statt Input-Spezifikation: Ergebnisbasierte Verträge
  3. Kapazitätsbeschaffungen statt reine Stückzahlbeschaffungen
  4. European Fast Track für Souveränitätsprojekte
  5. Ökosystem-Diversifizierung: Niedrigere Hürden für neue und Dual-Use Anbieter

Dahinter steht auch die Idee des Staates als strategischem Ankerkunden: Öffentliche Beschaffung soll nicht erst am Ende technologischer Entwicklung ansetzen, sondern frühzeitig Nachfrage schaffen, Referenzprojekte ermöglichen und europäischen Souveränitäts- und Dual-Use-Anbietern den Weg in die Skalierung öffnen. Der Staat wird damit nicht nur als Regulierer und Finanzierer adressiert, sondern auch als aktiver Nachfrager, dessen Beschaffungsentscheidungen mit darüber bestimmen, ob sicherheitsrelevante Technologien schnell genug marktfähig und einsatzbereit werden. 

Nico Lange, Mitunterzeichner des Strategiepapiers, fasst die Ansätze folgendermaßen zusammen: “Wir werden verteidigungsbereit, wenn wir das viele Geld strategisch einsetzen – für Souveränität, für Technologie, für Tempo.“

Souveränität ist eine Infrastrukturentscheidung

Um einer verbreiteten Pauschalkritik direkt zu begegnen: Einen zentralistischen Umbau lehnt das Papier ausdrücklich ab. Statt einer neuen europäischen “Superstruktur” soll es belastbare Leitkoalitionen geben. Während Deutschland, Frankreich, Polen und das Vereinigte Königreich die großen strategischen Programme koordinieren, sollen Nordeuropa, die baltischen Staaten und die Niederlande den Kern einer maritimen Koalition bilden. Deutschland könnte mit Partnern die Führung bei Luftverteidigung und Drohnenabwehr übernehmen. Das ist bisher noch mit Vorsicht zu genießen, da auf EU-Ebene die gemeinsame Finanzierung und die Dual-Use Infrastruktur, die unter anderem Verkehrswege aber auch Logistikknoten abdeckt, abzusichern bleibt.

Das Strategiepapier Sparta 2.0 sollte vor allem als Weckruf verstanden werden. Die digitale Souveränität Europas ist im Licht der aktuellen Bedrohungen längst kein rein wirtschaftspolitisches Ziel mehr, sondern muss als sicherheitspolitische Grundbedingung verstanden werden. Resiliente Netze, vertrauenswürdige Rechenzentren und sichere Kommunikation sind die Grundpfeiler der europäischen digitalen und verteidigungspolitischen Zukunft. Der Engpass, daran lässt das Papier keinen Zweifel, ist nicht das Können. Es ist das Wollen. 

Tipp der Redaktion:

Eine vertiefende Diskussion zum Gesamtpapier Sparta 2.0 hat auch im BASECAMP stattgefunden und kann hier nachverfolgt werden:

Mehr Informationen:

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