Eigene Plattform, eigene Regeln: Was müsste Europas Social Network können?
Instagram gehört zu Meta, YouTube zu Alphabet, TikTok zu ByteDance, X zur X Corp. Wer in Europa durch seinen Feed scrollt, Nachrichten schaut oder politische Debatten verfolgt, bewegt sich damit meist auf Plattformen außereuropäischer Unternehmen.
Das ist längst auch eine politische Frage. Denn soziale Netzwerke spielen für den Nachrichtenkonsum eine immer größere Rolle. Laut Digital News Report 2026 nutzen weltweit 54 Prozent soziale Medien und Videonetzwerke wöchentlich für Nachrichten. News-Websites und Apps kommen auf 51 Prozent. Für Deutschland weist die vorliegende Recherche 36 Prozent aus, bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 60 Prozent.
Die EU versucht deshalb seit einigen Jahren, stärker auf die Regeln dieser digitalen Räume einzuwirken. Doch wenn Europa digital souveräner werden will, reicht Regulierung? Oder braucht es irgendwann eigene Plattformen? Und falls ja: Was müssten sie können, damit Menschen sie tatsächlich nutzen?
Europa setzt die Regeln, die Plattformen bleiben
Mit dem Digital Services Act hat die EU ihren Einfluss auf große Plattformen deutlich ausgeweitet. Für Dienste mit mindestens 45 Millionen durchschnittlichen monatlich aktiven Empfängern in der EU gelten zusätzliche Pflichten. Sie müssen unter anderem systemische Risiken untersuchen, sich unabhängigen Audits stellen und mehr Transparenz über ihre Empfehlungssysteme schaffen. Sehr große Plattformen müssen ihren Nutzenden außerdem mindestens eine Option anbieten, deren Empfehlungen nicht auf Profiling beruhen. Bei Verstößen sind Bußgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes möglich.
Wie Plattformen ihre Angebote gestalten, beschäftigt Brüssel inzwischen sehr konkret. Empfehlungssysteme, Jugendschutz und Funktionen wie Infinite Scroll oder Autoplay sind Gegenstand der europäischen Regulierung und aktueller Verfahren. Ende August hat die Kommission mit Reddit und Roblox zudem weitere Dienste als sehr große Online-Plattformen nach dem DSA eingestuft.
Der Digital Markets Act setzt wiederum bei der Marktmacht großer Digitalkonzerne an. Er soll den Wettbewerb erleichtern und neuen Anbietern bessere Chancen geben.
Damit kann Europa beeinflussen, unter welchen Bedingungen große Plattformen hierzulande arbeiten. Instagram, TikTok, YouTube oder X werden dadurch allerdings nicht europäisch. Die Unternehmen und damit wesentliche Teile der Infrastruktur der digitalen Öffentlichkeit bleiben außerhalb der EU.
Braucht Europa also ein eigenes Social Network?
Ein europäisches Gegenstück zu Instagram oder TikTok klingt zunächst nach einer naheliegenden Antwort. Ein konkretes EU-Projekt für eine solche gemeinsame Social-Media-Plattform gibt es derzeit allerdings nicht. Die politische Debatte über digitale Souveränität ist breiter. Sie reicht von Regulierung und Interoperabilität bis zu offenen Standards und eigener digitaler Infrastruktur.
Auch das Fediverse zeigt einen anderen Ansatz. Statt eines zentralen Netzwerks verbindet es unterschiedliche, unabhängige Dienste über offene Standards. Öffentlich-rechtliche Medien wie ARD, ZDF und Deutschlandfunk sind bereits auf Mastodon vertreten. Im September veröffentlichte der SWR ein eigenes Toolkit für Medienschaffende zum Fediverse.
Eine europäische digitale Öffentlichkeit muss also nicht zwangsläufig auf einer einzigen neuen Plattform entstehen. Trotzdem lohnt das Gedankenexperiment. Denn selbst wenn Europa morgen ein eigenes Social Network hätte, wäre ein Problem noch nicht gelöst: Warum sollten Menschen dorthin wechseln?
Eine Plattform muss zuerst relevant sein
Instagram, TikTok und YouTube starten mit einem gewaltigen Vorsprung. Dort sind Freundeskreise und Communities längst vorhanden, ebenso Creator, Medien und Inhalte. Eine neue Plattform müsste sich ihren Platz in diesem Alltag erst erarbeiten.

Für Kisha Schieren, Creatorin und freie Redakteurin bei der Deutschen Welle, steht deshalb ein Punkt ganz vorne: Eine europäische Plattform müsse für Gen Z „vor allem eins sein: relevant“.
Sie müsse „kreativ, schnell und authentisch sein“, sagt Schieren. Datenschutz, Transparenz und digitale Selbstbestimmung gehören für sie ebenfalls dazu. Damit verschiebt sich die Debatte von der Herkunft einer Plattform zu ihrer tatsächlichen Nutzung. Europäische Regeln können ein Unterschied zu bestehenden Angeboten sein. Sie allein sind aber noch kein Grund, eine App jeden Tag zu öffnen. Eine europäische Alternative müsste im Feed genauso selbstverständlich funktionieren wie die Plattformen, mit denen sie konkurriert.
Was der Algorithmus wirklich entscheidet
Besonders deutlich wird das bei journalistischen Angeboten. Wer Nachrichten für Instagram oder TikTok produziert, arbeitet innerhalb der Logik dieser Plattformen. Das heißt aber nicht, dass der Algorithmus automatisch die Themen vorgibt.
„Der Algorithmus beeinflusst meine journalistische Arbeit definitiv. Er sollte aber nicht bestimmen, worüber ich berichte“,
sagt Schieren. Sie versucht Themen so zu erzählen, dass sie auf Social Media funktionieren, ohne ihren journalistischen Wert zu verlieren.

Johanna Rüdiger, Creatorin und Editorial Lead bei der Deutschen Welle, setzt noch früher an. Den Satz „Meine Videos sind sehr gut, sie werden bloß niemandem gezeigt“ bezeichnet sie als einen Mythos, den sie immer wieder höre. Wenn Inhalte kaum jemand schaue, liege das häufig an den Themen oder daran, wie relevant ihre Aufbereitung für das Leben der Nutzenden sei.
Rüdiger sieht darin sogar eine Stärke sozialer Medien: Das Publikum zeigt ziemlich unmittelbar, welche Informationen und Erklärungen es braucht. Ihre eigene Community besteht vor allem aus Menschen, die in Deutschland leben und noch nicht so gut Deutsch sprechen, sowie Menschen aus anderen Ländern, die sich für Deutschland interessieren. Entsprechend funktionieren bei ihr beispielsweise Videos, die erklären, was politische Entscheidungen konkret für den Alltag bedeuten. Die Reform des Staatsbürgerschaftsgesetzes nennt sie dafür als Beispiel. Auch die Bundestagswahl und der Aufstieg der AfD hätten ihre Community stark beschäftigt.
Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet das aus ihrer Sicht: genau recherchieren, verständlich erklären und auswählen, welche Informationen das Publikum wirklich braucht. Wer sich damit eine starke Community aufbaut, könne sich ein Stück weit von wechselnden Algorithmen unabhängig machen.
Für die Debatte über eine europäische Plattform ist das ein wichtiger Hinweis. Ein neues Netzwerk braucht nicht einfach einen anderen Empfehlungsalgorithmus. Es braucht relevante Inhalte und Menschen, für die es sich lohnt, dort eine Community aufzubauen.
Mehr als ein europäisches TikTok
Die Frage nach einer eigenen Plattform führt damit zurück zur politischen Ausgangslage. Europa hat mit DSA und DMA Instrumente geschaffen, um die Regeln großer Plattformen stärker mitzubestimmen. Gleichzeitig bleibt die digitale Öffentlichkeit in hohem Maß auf Angebote angewiesen, deren Betreiber außerhalb Europas sitzen.
Eine eigene Plattform könnte daran etwas ändern. Dafür müsste sie allerdings mehr sein als eine europäische Kopie bestehender Netzwerke. Sie müsste technisch und inhaltlich konkurrenzfähig sein und gleichzeitig jene Prinzipien glaubwürdig umsetzen, mit denen Europa seine Digitalpolitik verbindet.
Vielleicht liegt die Antwort deshalb auch nicht in dem einen europäischen Social Network. Offene Standards, interoperable Dienste und dezentrale Netzwerke verfolgen einen anderen Weg. Die entscheidende Frage bleibt bei allen Modellen ähnlich: Wie bekommt Europa mehr Einfluss auf seine digitale Öffentlichkeit, ohne Angebote zu schaffen, die politisch überzeugen, aber im Alltag kaum jemand nutzt?
Event-Hinweis:
Darüber diskutieren wir bei der BASECAMP_Debate „Eigene Plattform, eigene Regeln? Europas Weg zur digitalen Öffentlichkeit“ am 22. September mit Donata Vogtschmidt, Lucas Braun, Sebastian Vogelsang und Kisha Schieren, moderiert von Fiene Oswald.
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