„Mehr Bock auf Zukunft“: Interview mit Rafael Laguna (SPRIND)

Foto: SPRIND GmbH | Rafael Laguna de la Vera
Foto: SPRIND GmbH | Rafael Laguna de la Vera
Veröffentlicht am 31.08.2021

Mutige und kreative technologische Innovationen werden in Deutschland seit 2019 mithilfe der Agentur für Sprunginnovationen SPRIND gezielt unterstützt. Nachdem wir vor kurzem die Agentur und einige ihrer Projekte bereits in einem Artikel vorgestellt haben, konnten wir nun den Direktor von SPRIND, Rafael Laguna de la Vera, befragen über Innovationen, über Fehler bei der Digitalisierung, was ihn begeistert und wie er sich Deutschland im Jahr 2025 vorstellt.

Herr Laguna, ist die Bundesrepublik bezüglich technischer Innovationen wirklich so weit hinterher, wie man es ihr nachsagt?

Deutschland investiert viel Steuergeld in die universitäre und außeruniversitäre Grundlagenforschung, deren Ergebnisse sich auch im weltweiten Vergleich sehen lassen können. Allerdings gelingt es uns kaum, mit diesem Wissen in Deutschland neue Unternehmen mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen zu schaffen. Die Zahl der Unternehmensausgründungen aus der Forschung fällt sehr gering aus. Überhaupt ist die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland sehr gering.

pixabay geralt entrepeneur aktie quadrat
Foto: CC0 1.0, Pixabay / geralt / Ausschnitt bearbeitet

Diese „Vergreisung“ der Wirtschaft lässt sich schlussendlich am deutschen Aktienindex DAX besichtigen, dessen Unternehmen zum allergrößten Teil vor dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden. In den USA und in Asien wurden viele der heutigen Börsenschwergewichte in den letzten 20 bis 30 Jahren gegründet. Das zeigt sich auch daran, dass zum Beispiel Amazon – 1994 gegründet – heute etwa doppelt so viel Wert ist wie sämtliche Unternehmen im DAX 30. Wenn wir nicht besser darin werden, aus dem technischen Know-how in diesem Land neue, erfolgreiche Unternehmen zu machen, verkommen wir in wenigen Jahrzehnten zum „Technikmuseum“. Detaillierte Vorschläge hierzu beschreibe ich gemeinsam mit Thomas Ramge in unserem Buch „Sprunginnovation“, das bald erscheint.

Welches Projekt von SPRIND begeistert Sie am meisten?

Wir sind themenoffen und haben bislang mehr als 650 Projekteinreichungen erhalten. Knapp 60 Vorschläge haben nach unserer Validierung das Potenzial für eine Sprunginnovation, rund 20 Projekte haben wir bereits finanziell unterstützt. Bei den Einreichungen lassen sich folgende thematische Cluster erkennen: 30 Prozent kommen zu Energie und Nachhaltigkeit, 30 Prozent zu Life Sciences und Gesundheit, 30 Prozent aus dem Bereich IT.

Die vier Projekte, die wir am weitesten entwickelt haben, sind: Entfernung von Mikroplastik aus Wasser mithilfe von kleinen Luftblasen, analoges Rechnen auf einen Chip bringen, die Entwicklung von neuartigen Windrädern und ein revolutionärer Wirkstoffkandidat zur ursächlichen Behandlung der Alzheimer Krankheit. Auch die erste SPRIND-Challenge „Ihre Mission: Ein Quantensprung für neue antivirale Mittel“ wurde im Juli gestartet. Insofern habe ich nicht ein Lieblingsprojekt, sondern sehr viele!

Deutschland ist nicht bekannt dafür, schnell und unbürokratisch zu sein, was Sie auch öffentlich scharf kritisiert haben. Welche Bedingungen sind nötig, damit diese und andere Projekte zum Erfolg werden? Hat Ihre öffentliche Kritik geholfen?

Wir bekommen Unterstützung und Zuspruch von allen relevanten Parteien. Dass der Sprung der Bundesagentur aufgrund der administrativen Fesseln noch nicht „allzu groß“ ist, hat ja auch die Kanzlerin bereits im Mai ausgesprochen. Entsprechend wünschen wir uns folgende Passage im Koalitionsvertrag der nächsten Bundesregierung:

„Zur effektiven Förderung von Sprunginnovationen werden wir die 2019 gegründete Agentur für Sprunginnovationen (SPRIND) ressortunabhängig aufstellen und zu einem Reallabor in der Innovationsförderung mit flexiblen und agilen Instrumenten zur Entwicklung und Finanzierung von vielversprechenden Projekten ausbauen. Dazu gehören die Befreiung von Vergaberegelungen in der Projektfinanzierung und die Möglichkeit, Projekte in der vorwettbewerblichen Frühphase vollumfänglich durch Forschungszuwendungen zu fördern und/oder sich an ihnen als Minderheitsgesellschafterin zu beteiligen. Zusätzlich wird die Agentur mit einem Globalhaushalt ausgestattet und erhält die Zustimmung, interne und projektbezogene Positionen außertariflich zu vergüten, um mit Gehaltskonditionen in der Privatwirtschaft konkurrenzfähig zu sein.“

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler deutscher Unternehmen, die Innovation und erfolgreiche Digitalisierung verhindern? Welche Rolle spielt die Wirtschaft, um Sprunginnovationen in Deutschland zu fördern?

Foto: CC0 1.0, Pixabay User geralt | Ausschnitt angepasst

Unternehmen, die erfolgreich am Markt agieren, stehen oft vor der Herausforderung, dass sie sich mit Innovation möglicherweise ihr aktuelles Geschäft kaputt machen. Die Stärke der deutschen Wirtschaft liegt weniger in der Disruption, als vielmehr in der inkrementellen Innovation. Das ist ja längst erforscht und von Clayton Christensen als „Innovator´s Dilemma“ beschrieben worden. Allerdings schützt Tatenlosigkeit auch nicht vor dem Untergang – wie Kodak und Nokia belegen –, weil es immer Start-ups geben wird, die mit ihren innovativen Produkten und Diensten in bestehenden Märkten nur gewinnen können.

Die Silicon Valley-Größen kennen das Problem natürlich auch und sind deshalb im Startup-Ökosystem sehr aktiv. Apple und Google kaufen jedes Jahr Dutzende von ihnen auf; manchmal auch nur die Teams, die gerade in Gründung sind. Das sollte die deutsche Industrie auch tun. Eine aktive Beteiligung bei Venture Fonds ist ebenso angeraten, hier hört man das Gras wachsen. Künftige Sprunginnovationen „Made in Germany“ sollten also aus der Verbindung der Innovationskraft von Startups und der Skalierungserfahrung und dem Marktzugang der etablierten deutschen Industrie kommen.

Auf BASECAMP.digital haben wir in den letzten Wochen viele Beiträge über die digitalpolitischen Erwartungen an die Bundestagswahl veröffentlicht. Was wünschen Sie sich von der nächsten Bundesregierung?

Die Bedeutung von Digitaler Souveränität für Gesellschaft und Wirtschaft ist in den letzten Jahren von der Politik verstanden worden. Das muss jetzt in die Tat umgesetzt werden – beispielsweise indem die öffentliche Verwaltung Open Source-Software beauftragt, einkauft und benutzt. Bundes-CIO Dr. Markus Richter geht hier mit gutem Beispiel voran.

Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die nächste Bundesregierung mit ihrer Industriepolitik Projekte fördert und mitfinanziert, die uns auch bei Hardware und IT-Infrastruktur mehr Transparenz und Unabhängigkeit liefern. Die Einkaufspower des Bundes, der Länder und der Kommunen muss ebenso als ein starkes Förderinstrument von europäischen, souveränen und offenen Digitallösungen zum Einsatz kommen. Im Sinne von „Public Money, Public Code“!

Wenn Sie sich Deutschland nach der neuen Legislaturperiode im Jahr 2025 vorstellen: Was sollte sich mit Blick auf Sprunginnovationen politisch und gesellschaftlich verändert haben?

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft wieder „mehr Bock auf Zukunft“ bekommen. Dass wir gestalten und nicht nur verwalten und absichern wollen. Und dass wir einen gesellschaftlichen Konsens erzielt haben, dass wir das Leben aller Menschen und Lebewesen auf diesem Planeten mit gerichteten Erfindungen und Innovationen besser machen und bewahren können.

Schlagworte

Empfehlung der Redaktion