Wahlherbst im Doppelpack: Ausblick auf die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

Credits: iStock User mathess | Pixabay User FirstThinkTank | | Montage | Ausschnitt bearbeitet
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Veröffentlicht am 20.08.2026

Am 20. September 2026 wählen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ihre jeweiligen neuen Landesparlamente. Damit treffen zwei äußerst unterschiedliche Lebens- und Wahlkampfwelten aufeinander: Der weite, ländlich geprägte Nordosten und die Hauptstadt, die mehr als doppelt so viele Menschen auf einem Bruchteil der Fläche versammelt. Beide haben nicht nur eine lange und unterschiedliche Liste an politischen Herausforderungen zu stemmen, sondern stimmen auch unter neuen digitalen Rahmenbedingungen ab.

Der Nordosten und die Hauptstadt starten aus sehr gegensätzlichen Konstellationen in den Wahltag. In Mecklenburg-Vorpommern regiert derzeit noch die SPD unter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die 2021 noch fast 40 Prozent holte und seither ein rot-rotes Bündnis mit der Linken führt eine Veränderung der Machtverhältnisse an.

Wahlkampf ohne den großen Werbehebel

Nach Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Frühjahr gilt auch für diese Wahlen (und natürlich für Sachsen-Anhalt am 6. September): Der digitale Wahlkampf läuft unter den Rahmenbedingungen der neuen EU-Verordnung 2024/900 über Transparenz und Targeting politischer Werbung (TTPA/TTPW-VO). Weil insbesondere Meta in Reaktion darauf politische Werbung auf Facebook und Instagram in der EU weitgehend eingestellt hat, fällt ein zentraler Reichweitenhebel weg, der gerade für die Ansprache jüngerer Wählerinnen und Wähler jenseits der Stammklientel von großer Bedeutung ist.

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Die Folge ist eine Verschiebung von der werbe- zur netzwerkzentrierten Logik: Wer Reichweite will, muss sie organisch erzeugen. Das trifft das flächige Mecklenburg-Vorpommern und die dichte Medienöffentlichkeit Berlins unterschiedlich hart. Im Nordosten, wo Wege weit und Ortsverbände dünn besetzt sind, war regionales Targeting ein sehr wichtiges Werkzeug, um überhaupt Sichtbarkeit herzustellen. In Berlin dagegen konkurrieren die Kandidierenden in einem ohnehin übersättigten politischen Aufmerksamkeitsmarkt.

Personality statt Parteimarke

Von der neuen Regulierung lassen sich die Parteien natürlich nicht vom digitalen Campaigning abhalten, im Gegenteil. Wie schon im Südwesten entscheidet sich viel an einzelnen Köpfen und an der Frage, wer die Plattformlogik verstanden hat. In Berlin ist das bislang vor allem die Linke: Ihr Landesverband führt mit rund 38.000 TikTok-Followern (öffnet in neuem Tab) das Feld an, während die CDU dort auf gerade einmal etwa 130 Follower bei zwei Beiträgen kommt. Spitzenkandidatin Eralp setzt bewusst auf Memes, Jugendslang und popkulturelle Kooperationen. Ein Instagram-Post mit der Rapperin Ikkimel vom 1. Mai 2026 kam auf rund 28.000 Likes, was für die landespolitische Szenerie auf der Videoplattform zumindest beachtlich ist.

In Mecklenburg-Vorpommern ist der Stil erwartbar etwas anders: Hier mischt AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm offensive Botschaften gegen Gendern und den Rundfunkbeitrag mit betont privaten Videos, etwa beim Rodeln im Schnee. CDU-Mann Daniel Peters tritt hingegen eher klassisch programmatisch auf. Doch der Kontrast zeigt (öffnet in neuem Tab), wo und wie die Parteien ihre Öffentlichkeit suchen und wie ungleich erfolgreich sie das tun, denn (rechts)populistische Akteure erreichen ihre Communities mit organischer Reichweite auf TikTok und X seit Jahren besser als die demokratische Konkurrenz.

Desinformation als Dauerbegleiter

Der eigentliche Stresstest kommt in diesem Jahr aber von außen. Seit Juni wird eine breit angelegte, mutmaßlich aus Russland gesteuerte Desinformationskampagne ausgespielt: (öffnet in neuem Tab) Professionelle Faktenchecks (öffnet in neuem Tab) zählten auf X, Bluesky und TikTok über 180 manipulierte Beiträge, die Kandidatinnen und Kandidaten mit frei erfundenen Vorwürfen diskreditieren. Die Fake-Videos (öffnet in neuem Tab) sind meist englischsprachig und im Design seriöser Medien gehalten, um die User zu täuschen. Im Juni kursierten sogar gefälschte Zeitungstitelseiten, darunter auch eine des Berliner Tagesspiegels.

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Die Kampagne verfolgt zwei Stoßrichtungen: die gezielte Rufschädigung Einzelner und den Versuch, einen Keil zwischen Ost und West zu treiben. Betroffen sind alle etablierten Parteien, mit Ausnahme von AfD und BSW. In Berlin traf es unter anderem Stefan Evers, Werner Graf, Bettina Jarasch, Elif Eralp und Steffen Krach. Neu ist laut Fachleuten, dass konkrete Kandidatinnen auf Landesebene (öffnet in neuem Tab) ins Visier geraten.

Auffällig auch der Rhythmus: Gepostet wird nur werktags. Während Bluesky und TikTok Lügenvideos recht zuverlässig löschen, bleiben sie auf X oft lange online. Der Berliner Landeswahlleiter kündigte an, die Plattformen an einen Tisch zu holen; das Bundesamt für Verfassungsschutz nimmt die ausländische Einflussnahme nach eigenen Angaben ernst. Entscheidend ist weniger der Einzelfall als die strukturelle Frage: Wie schnell erkennen Plattformen orchestrierte Kampagnen und wie resilient sind Parteien und Zivilgesellschaft, um im Reichweitenschatten solcher Netzwerke nicht unterzugehen?

Digitalpolitik im Programmvergleich

Ob am Ende Kampagnen oder inhaltliche Angebote wahlentscheidend sind, kann jede und jede Wahlberechtigte für sich selbst entscheiden. Beim Blick auf die Wahlprogramme zeigt sich die Kluft zwischen Flächenland und Metropole aber deutlich: In Mecklenburg-Vorpommern ist Digitalpolitik zuerst einmal Infrastrukturpolitik. Die SPD wirbt mit dem weiteren Ausbau des Glasfasernetzes und einer Landes-Digitalstrategie (öffnet in neuem Tab), die CDU (öffnet in neuem Tab) setzt auf die Digitalisierung von Verwaltungsverfahren, ein One-Stop-Shop-Prinzip und die Förderung digitaler Betriebe über die „Digitrans“-Richtlinie.

In Berlin dagegen dreht sich fast alles um die Verwaltungsdigitalisierung einer Stadt, die als chronisch überfordert gilt. Die SPD verspricht den Ausbau des digitalen Wirtschaftsservices DIWI, die Grünen widmen der Frage ein eigenes Kapitel (öffnet in neuem Tab) („Berlin funktioniert zuverlässig“) und die CDU rückt eine „leistungsfähige Verwaltung“ ins Zentrum. Unter dem Hauptslogan „Bezahlbar machen (öffnet in neuem Tab)“, wirbt die Linke in ihrem Parteiprogramm vor allem für Digitalisierung als Instrument für eine bürgernahe, sozial gerechte und transparente Daseinsvorsorge und damit als Gegenentwurf zur profitorientierten Datenverwertung.

Die Grünen sehen die Digitalisierung (öffnet in neuem Tab) eher unter dem Dienstleistungsaspekt und fordern verbindliche Barrierefreiheitsstandards für Landessoftware, Formulare in Leichter Sprache und weiteren Sprachen sowie „Medienhelferinnen“, die bei der Umstellung niemanden zurücklassen. Zugleich benennen sie veraltete IT-Systeme, unklare Zuständigkeiten und Cyberangriffe auf Krankenhäuser als kritische Schwachstellen.

Was das Thema Künstliche Intelligenz angeht, steht dessen effektive Nutzung in der Verwaltung, Justiz und Förderung für Unternehmen im Fokus. Die SPD in Mecklenburg-Vorpommern setzt dabei gleich auf eine neue „Landesstrategie Daten und KI” und auch die CDU sieht KI als zentrale Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Die Grünen verbinden KI-Nutzung indessen mit einer verantwortungsvollen Folgenabwägung und betonen die ökologische Ausgestaltung der Digitalisierung.

Auch die AfD hat KI für sich entdeckt und erwägt den Einsatz von KI in der digitalen Infrastruktur von Polizei und Justiz, sowie will die Ansiedlung von KI-Unternehmen als Teil einer Hochtechnologie-Industriepolitik fördern.

Wer die Positionen im Detail abgleichen will, findet ab 24. August 2026 die Wahl-O-Mat-Versionen (öffnet in neuem Tab) für beide Länder als Orientierung.

Am Ende entscheidet auch das Netz

So unterschiedlich Ostsee und Hauptstadt sind, an der neuen digitalen Wahlkampfrealität kommen beide nicht vorbei. Bezahlte Werbung verliert an Bedeutung, organische Reichweite, glaubwürdige Kandidierende und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Manipulation sind wichtiger denn je. Für demokratische Parteien ist das aber auch eine Herausforderung: Transparenzpflichten schaffen zwar mehr Vergleichbarkeit bei den Budgets, aber der strukturelle Reichweitenvorsprung eingespielter populistischer und teils fremdgesteuerter Netzwerke lässt sich ohne Anzeigen nur schwer ausgleichen.

Digitalpolitik ist in beiden Wahlkämpfen selten ein eigener Schwerpunkt. Meist ist das Feld eingebettet in Fragen von Wirtschaft, Verwaltung und Teilhabe. Das Versprechen der digitalen Teilhabe kann nur mit flächendeckendem Mobilfunk- und Glasfasernetzen und zeitgemäßen, bürgernahen Behördenprozessen eingelöst werden – ob an der Mecklenburger Seenplatte oder der leidgeprüften Hauptstadtverwaltung.

Event-Hinweis:

Wer bringt Berlin wieder auf Kurs? Genau dazu möchten wir mit den Spitzenkandidaten demokratischer Parteien am 27.08.2026 von 18:00 – 19:00 Uhr bei uns im BASECAMP in Berlin-Mitte diskutieren. Jetzt anmelden>> (öffnet in neuem Tab)

Jetzt auf der Plattform AirLST zur Veranstaltung anmelden: "BASECAMP_Debate: „Wer bringt Berlin auf Kurs?“ – Die Spitzenkandidaten im (Streit-) Gespräch " Link öffnet im neuen Tab. (öffnet in neuem Tab)Jetzt anmelden>> (öffnet in neuem Tab)

Mehr Informationen:

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