Klimaschutz und Digitalisierung: Wirklich ein Widerspruch?

Christoph Nitz, Anke Domscheit -Berg, Niklas Meyer – Breitkreutz und Alice Greschkow | Foto: Henrik Andree
Christoph Nitz, Anke Domscheit -Berg, Niklas Meyer – Breitkreutz und Alice Greschkow | Foto: Henrik Andree
Veröffentlicht am 01.11.2021

Von Susanne Stracke-Neumann

„Wie digital wird unsere Gesellschaft?“ fragt Telefónica Deutschland in seinem BASECAMP in der Themenwoche „Deutschland 2025“. „Protest – aber nachhaltig | Klimaschutz vs. Digitalisierung“ war dazu die Veranstaltung von „Young + Restless“  überschrieben. Doch sind Klimaschutz und Digitalisierung tatsächlich Gegensätze?

Sieht man sich die Bewegung „Fridays for Future“ und ihren in den vergangenen drei Jahren gewachsenen Einfluss an, dann gehen Digitalisierung und Klimaschutz eher Hand in Hand, denn die Aktivist*innen organisieren ihre Aktionen über das Internet. Auch wenn der Stromverbrauch im Internet so hoch liege, dass das Internet, als Land gezählt, weltweit auf dem dritten Platz läge, sei die Digitalisierung nicht nur ein Teil des Problems, sondern auch der Lösung, ist Anke Domscheit-Berg, Bundestagsabgeordnete der Linken, überzeugt. Der CO2-Ausstoß bei der Herstellung der elektronischen Geräte für die Nutzung des Internets sei ebenfalls besonders hoch. Deshalb forderte sie, die Nutzungsdauer dieser Geräte durch ein Recht auf Reparatur und eine längere Verpflichtung zu Updates zu steigern und die wertvollen Materialien durch hohe Recyclingquoten wiederzugewinnen. Derzeit liege die Wiedergewinnungsquote nur bei 35 Prozent.

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt ist ein Thema am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Josephine Hofmann, die als New-Work-Expertin auch bloggt, geht von einer großen Veränderung der ganzen „Bürowelt“ aus. Die neue digitale Arbeit mache das Anheuern von Fachkräften aus allen Teilen der Welt möglich, aber auch Unternehmen könnten als mobile Größe weiterziehen. Wieweit es in Zukunft noch ein „Heimatgefühl“ in und für Unternehmen gebe, sei offen. Für eine gute Atmosphäre in der Firma sei es aber nicht denkbar, dass die Führungselite auf dem Privileg des eigenen Büros beharre, die Mitarbeiter*innen aber an Schreibtischen und ins Homeoffice hin- und herschiebe.

Anke Domscheit- Berg, Alice Greschkow, Niklas Meyer – Breitkreutz | Foto: Henrik Andree

Niklas Meyer-Breitkreutz, Referent Digitalisierung und Nachhaltigkeit beim Branchenverband Bitkom, wandte sich ebenfalls dagegen, Klimaschutz und Digitalisierung gegeneinander auszuspielen. Für Merit Willemer, Aktivistin bei FFF, ist der Schlüsselfaktor für den Klimaschutz der Energiesektor:

„Grüner Strom ist der größte Hebel, der alles möglich werden lässt.“

Sie fragte, wo eigentlich der „Hemmschuh für die Transformation“ sei. „Das Wissen dafür haben wir doch.“ Es müsse nur endlich zusammengeführt und politisch umgesetzt werden.

Foto: Henrik Andree, Anke Domscheit- Berg MdB Netzpolitische Sprecherin Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag
Anke Domscheit- Berg MdB Netzpolitische Sprecherin Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag | Foto: Henrik Andree

Um in der Verwaltung eine effektive Digitalisierung zu erreichen, sei das Problem nicht die Digitalisierung selbst, sondern das Problem liege davor, erklärte Michael Mischke, Referent für Digitalisierung und Mobilität in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe in Berlin. Zunächst müsse das gesellschaftliche Bild dessen, was mit den Verwaltungsprozessen erreicht werden solle, hinterfragt werden, und alle bisher vorhandenen, teilweise auch schon digitalen Puzzlestücke zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden. Dann erst sei wirklich zu sehen, wo das Verwaltungsgeschehen hakt. Es sei „nicht die Lösung, alte Probleme nur digital schneller zu machen“. Dabei würde vieles in Frage gestellt werden müssen. Nach seiner Beobachtung seien es nicht die Menschen in der Verwaltung, die diese Umstellung verzögerten, sondern fehlende, klar benannte Ziele und eine mangelnde Transparenz in der Energiebilanz der städtischen Einrichtungen.

Hannah Helmke Mitgründerin und Geschäftsführerin von right.based on science GmbH, Preisträgerin des AmCham Female Founders Award 2021 in der Kategorie „Sustainability“ | Foto: Henrik Andree

Hannah Helmke ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der „right.based on science“ GmbH, die den Firmenkunden ihren Beitrag zur Erderwärmung vorrechnet. Sie sieht bei Unternehmen eine große Bereitschaft auf dem Weg zu Klimaneutralität in der eigenen Firma. Die Preisträgerin des „AmCham Female Founders Award 2021“ in der Kategorie „Sustainability“ unterstrich aber, dass „Unternehmen immer eine klare Planung brauchen“. Exakte Vorgaben für die Wirtschaft, wie hoch der noch mögliche CO2-Ausstoß bis wann sein dürfe, verlangte auch Meyer-Breitkreutz von Bitkom. Der Journalist und Buchautor Bernhard Pötter („Die grüne Null“) hält den Ruf nach solchen „Budgets“ für einzelne Unternehmen für unrealistisch. Dies sei im Pariser Abkommen, das die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen wolle, nicht angelegt. In Deutschland und der Europäischen Union gebe es Sektorziele.

Im Gegensatz zu Domscheit-Berg, die Digitalisierung als viel zu verzweigt und vielfältig für ein einzelnes Ministerium einschätzt, ist Pötter ein Befürworter eines solchen Digitalministeriums. „Das macht das Thema sichtbarer“, meinte er, gerade auch für den älteren Teil der Bevölkerung, der noch nicht als „Digital Natives“ aufgewachsen ist. In seinen Augen wäre es wichtig, jemanden zu haben, der die Digitalisierung koordiniert und auch soziale, ökologische und Datenschutzaspekte einbringt. Insgesamt müsse die Diskussion in Deutschland mehr über den nationalen Tellerrand hinausschauen, da Klimaschutz und Digitalisierung globale Fragen seien.

Bernhard Pötter, Journalist und Autor | Foto: Henrik Andree

Für Hannah Helmke, bei der Veranstaltung von Moderatorin Alice Greschkow als „Kopf des Monats“ gerühmt, ist es für eine erfolgreiche Transformation elementar, von einer „Kultur des Misstrauens, der Beschuldigungen und Belehrungen“ wegzukommen. Eigentlich wollten alle Menschen das 1,5-Grad-Ziel erreichen, ist sie überzeugt. Würden die Ziele für jedes Unternehmen und jede Verwaltung so „heruntergebrochen“, dass jeder den eigenen Beitrag überschauen könne, dann seien die Menschen mit großer Motivation und Begeisterung bei der Transformation zur Klimaneutralität dabei, erklärte sie.

Über young+restless

young+restless ist das Netzwerktreffen für Young Professionals aus dem politischen Berlin, der Startup-Szene, der Medienwelt sowie der Kreativwirtschaft. Das Format ist eine Mischung aus Impulsen, Themen (als round-Table-Gespräche und -Präsentationen organisiert) sowie Networking.

Seit Februar 2015 findet die Veranstaltungsreihe im BASECAMP statt. Das Netzwerk für Young Professionals ist ein Projekt der meko factory gemeinnützige GmbH.

Weitere Impressionen von der Veranstaltung:

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Flickr.
Mehr erfahren

Beitrag laden

 

Schlagworte

Empfehlung der Redaktion