Katastrophen, Krisen, kritische Infrastruktur: Interview mit Ralph Tiesler

Veröffentlicht am 08.01.2026

Die Heizung fällt aus, technische Geräte funktionieren nicht mehr und Kommunikation ist nur noch eingeschränkt möglich – und das alles bei klirrenden Minusgraden: Der jüngste Stromausfall in Teilen Berlins hat erneut vor Augen geführt, wie verletzlich moderne Gesellschaften gegenüber Störungen kritischer Infrastrukturen sind. Strom, Kommunikation und Information sind eng miteinander verknüpft – fällt eines aus, geraten schnell ganze Versorgungs- und Koordinationsketten unter Druck. Solche Ereignisse lenken den Blick auf eine zentrale Frage: Wie gut ist Deutschland auf Krisen, Katastrophen und hybride Bedrohungen vorbereitet, und welche Investitionen sind notwendig, um den Bevölkerungsschutz zukunftsfest aufzustellen? Dazu haben wir Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), interviewt.

Wirksamer Bevölkerungsschutz ist kein punktuelles Projekt, sondern eine dauerhafte Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft sowie den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern. Ereignisse wie der Stromausfall in Berlin zeigen, wie wichtig robuste, redundante und realistisch ausgelegte Vorsorgekonzepte sind – ebenso wie klare Kommunikation und eine sensibilisierte, handlungsfähige Bevölkerung.

Unabhängig von der jeweiligen Ursache entsteht Resilienz nicht erst im Krisenfall, sondern durch kontinuierliche Investitionen, abgestimmte Strukturen und eine breite Verankerung von Vorsorge im Alltag. Der Bevölkerungsschutz der Zukunft wird sich daran messen lassen müssen, wie gut er diese Elemente zusammenführt – unter alltäglichen Bedingungen ebenso wie in außergewöhnlichen Lagen.

Wir haben mit Ralph Tiesler, dem Präsidenten des BBK, über den aktuellen Investitionsbedarf, die Rolle von Warn- und Kommunikationsinfrastrukturen, föderale Zuständigkeiten sowie die Bedeutung von Eigenvorsorge gesprochen:

Der jüngste Bundeshaushalt sieht zusätzliche Mittel (öffnet in neuem Tab) für den Bevölkerungsschutz vor. Sie haben betont, dass in den kommenden Jahren weitere Investitionen notwendig sein werden. Die Rede ist von zehn Milliarden Euro allein für die nächsten vier Jahre. Welche konkreten Maßnahmen und Anschaffungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um den Rückstand der vergangenen Jahrzehnte im Bevölkerungsschutz tatsächlich aufzuholen?

Wenn wir von einem Investitionsbedarf von rund zehn Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren sprechen, geht es nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um den systematischen Aufbau zentraler Fähigkeiten

Aus Sicht des BBK stehen dabei vier Bereiche im Vordergrund: erstens eine robuste und redundante Warn- und Informationsinfrastruktur für die Bevölkerung, zweitens leistungsfähige Strukturen für Krisenmanagement, Lagebilder und Koordination, drittens der gezielte Ausbau von Zivilschutzfähigkeiten. Dazu zählen insbesondere die Ertüchtigung bestehender Infrastrukturen als schutzbietende Räume für die Bevölkerung, die Sicherstellung der Notfallversorgung sowie Ausbildung und Ausstattung von Einsatzkräften. Sowie viertens die Stärkung der Selbstschutzfähigkeiten der Bevölkerung durch Ausbildung und Information.

Credit: iStock/hanohiki

Wichtig ist dabei: Bei der Ertüchtigung bestehender Infrastrukturen als schutzbietende Räume für die Bevölkerung geht es nicht primär um Neubauten, sondern um die nachhaltige und verlässliche Stärkung sowie Nutzung vorhandener baulicher Infrastrukturen. Entscheidend ist, dass der Bevölkerungsschutz auch über die kommenden vier Jahre hinaus verlässlich finanziert und weiterentwickelt wird.

Angenommen, es kommt zu einem großflächigen Stromausfall oder einem Angriff auf kritische Infrastruktur: Was passiert in den ersten Stunden, und welche Strukturen greifen dann?

Deutschland verfügt über eingespielte Krisenstrukturen (öffnet in neuem Tab) auf allen staatlichen Ebenen. Bei kleinen bis hin zu großflächigen Störungen führen Länder und Kommunen die operativen Maßnahmen, zuallererst die Kommunen vor Ort. Der Bund – und hier insbesondere das BBK – ist bei Bedarf koordinierend, unterstützend und beratend tätig.

In den ersten Stunden stehen die Lagefeststellung, der Schutz der Bevölkerung und die Sicherstellung kritischer Funktionen im Mittelpunkt. Parallel wird die Zusammenarbeit mit Betreibern Kritischer Infrastrukturen intensiviert. Eine zentrale Rolle spielt zudem die schnelle, verlässliche und verständliche Information der Bevölkerung, um Orientierung zu geben und Eigenhilfe zu ermöglichen.

Wie wichtig ist das Smartphone, um in einem solchen Krisenfall Hilfe organisieren und die Bevölkerung informieren zu können?

Das Smartphone ist im Krisenfall ein sehr wichtiges Instrument, insbesondere für die Warnung und Information der Bevölkerung. Mit Anwendungen wie Cell Broadcast (öffnet in neuem Tab) oder Warn-Apps wie NINA können viele Menschen in kurzer Zeit direkt erreicht werden.

Gleichzeitig dürfen wir uns nicht ausschließlich auf digitale Lösungen verlassen, denn sie sind unmittelbar abhängig von funktionierender Stromversorgung und intakten Mobilfunknetzen. Krisenvorsorge bedeutet daher immer auch Redundanz. Das BBK setzt bewusst auf einen Mix aus digitalen und analogen Warn- und Informationswegen (öffnet in neuem Tab) – etwa Sirenen, Rundfunk oder lokale Anlaufstellen.

Digitalisierung unterstützt uns in vielen Bereichen, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit ausfallsicherer und vielfältiger Strukturen. Resilienz entsteht erst durch Ausfallsicherheit und Vielfalt.

Zivilschutz ist Bundesaufgabe, Katastrophenschutz liegt bei den Ländern, Brandschutz und Rettungswesen bei den Kommunen. Im „Ernstfall” müssen alle Ebenen zusammenwirken. Inwiefern ist diese föderale Struktur für einen Krisenfall gewappnet? Wo sehen Sie gegebenenfalls Bedarf für klarere Verantwortlichkeiten?

Ja, der Bevölkerungsschutz in Deutschland ist föderal organisiert, und das ist grundsätzlich eine Stärke. Nähe zur Lage, lokale Kenntnisse und eingespielte Strukturen sind im Krisenfall von großem Wert.

Entscheidend ist jedoch, dass die Zusammenarbeit über alle Ebenen hinweg gut vorbereitet und regelmäßig eingeübt wird. Aus Sicht des BBK geht es dabei weniger um neue Zuständigkeitsdebatten als um klare Prozesse, gemeinsame Standards und verlässliche Kommunikationswege.

Genau daran arbeiten wir gemeinsam mit Ländern, Kommunen und weiteren Partnern – etwa durch bundesweite und länderübergreifende Übungen, gemeinsame Fortbildungsangebote für Führungskräfte sowie den kontinuierlichen Ausbau gemeinsamer Lagebilder. So stellen wir sicher, dass Informationen im Ernstfall schnell zusammengeführt, bewertet und abgestimmt weitergegeben werden können.

Tipp der Redaktion:

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Das BBK hat im Oktober 2025 den grundlegend überarbeiteten Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen (öffnet in neuem Tab)“ vorgestellt. Darin empfehlen Sie, dass jeder Haushalt sich möglichst bis zu zehn Tage selbst versorgen können sollte. Wie realistisch ist es, dass die Bevölkerung diese Eigenvorsorge tatsächlich umsetzt? Was tun Sie, um das Bewusstsein dafür zu schärfen (ohne Panik in der Bevölkerung auszulösen)?

Mit dem überarbeiteten Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ geben wir alltagstaugliche Orientierung. Die Empfehlung, sich für bis zu zehn Tage selbst versorgen zu können, ist kein Alles-oder-nichts-Anspruch, sondern ein Zielkorridor.

Entscheidend ist der Einstieg: Schon eine Basisvorsorge für drei Tage erhöht die Selbsthilfefähigkeit spürbar. Darauf kann Schritt für Schritt aufgebaut werden. Genau diesen niedrigschwelligen Ansatz verfolgen wir bewusst, weil er die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen tatsächlich ins Handeln kommen und mit ihrer persönlichen Vorsorge beginnen.

Unsere Kommunikation setzt daher auf Verständlichkeit, Wiederholung und praktische Beispiele – nicht auf Dramatisierung. Vorsorge wird als etwas vermittelt, das sich in den Alltag integrieren lässt: als „lebender Vorrat“, der genutzt und regelmäßig ergänzt wird.

Wichtig ist dabei die klare Botschaft: Staatliche Hilfe und private Vorsorge stehen nicht im Widerspruch. Eigenvorsorge überbrückt die erste Zeit, bis staatliche Strukturen greifen, und schafft Handlungsspielräume – für die Menschen selbst ebenso wie für Einsatzkräfte und Behörden.

Vorsorge ist damit kein Zeichen von Angst, sondern von Verantwortungsbewusstsein – gegenüber sich selbst, den eigenen Angehörigen und der Gemeinschaft.

Die Innenministerkonferenz (öffnet in neuem Tab) spricht davon, dass ein Angriff Russlands auf NATO- Gebiet ab 2029 nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Deutschland ist bereits jetzt Ziel hybrider Angriffe (Cyberattacken, Desinformation, Sabotage). Wie verändert diese Bedrohungslage die Arbeit des BBK?

Die geopolitische Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe, Desinformation oder Sabotage sind bereits heute Realität und betreffen auch den Bevölkerungsschutz in Deutschland.

Für das BBK bedeutet das, Resilienz noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen – technisch, organisatorisch und gesellschaftlich. Wir arbeiten szenarienbasiert und eng mit anderen Behörden, den Ländern und Kommunen sowie privaten Betreibern Kritischer Infrastrukturen zusammen, um Verwundbarkeiten frühzeitig zu erkennen und Vorsorge gezielt zu stärken. Ziel ist es, die Handlungsfähigkeit des Staates, die Krisenfestigkeit von Wirtschaft und Verwaltung sowie die Selbstschutzfähigkeit der Bevölkerung auch unter komplexen und dynamischen Bedingungen zu erhalten.

Resilienz entsteht dabei im Zusammenspiel aller Ebenen: staatlicher Strukturen, kommunaler Akteure, Kritischer Infrastrukturen (öffnet in neuem Tab), der Wirtschaft und einer gut informierten, handlungsfähigen Bevölkerung. Der All-Gefahren-Ansatz bildet hierfür die Grundlage des deutschen Bevölkerungsschutzes und damit auch der Arbeit des BBK. Er ermöglicht es, sich nicht auf einzelne Szenarien zu verengen, sondern Vorsorge und Krisenbewältigung ganzheitlich zu denken.

Unser neuer Notfallratgeber greift diesen Ansatz auf und übersetzt ihn konkret für die Bevölkerung. Er soll Orientierung geben, Eigenvorsorge fördern und Menschen befähigen, in außergewöhnlichen Lagen handlungsfähig zu bleiben – als Ergänzung zu staatlichen Maßnahmen, nicht als deren Ersatz.

Zur Person: Ralph Tiesler

Seit 2022 ist Ralph Tiesler Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Der Jurist ist seit 30 Jahren im Bundesdienst tätig, davon 24 Jahre im Bevölkerungsschutz, wo er bereits in der Jugend als ehrenamtliche Einsatzkraft des THW begann.

Zuvor war er in leitenden Funktionen im nationalen und internationalen Krisenmanagement tätig, unter anderem beim Technischen Hilfswerk, im BBK, im Bundesinnenministerium sowie als Vizepräsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Vor seiner Berufung an die Spitze des BBK war Tiesler Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.


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