BASECAMP FishBowl: Wie resilient ist Deutschland gegenüber Krisen wirklich?

Johann Saathoff, Marina Grigorian, Generalleutnant Carsten Breuer und Prof. Dr. Manfred Hauswirth | Foto: Henrik Andree
Johann Saathoff, Marina Grigorian, Generalleutnant Carsten Breuer und Prof. Dr. Manfred Hauswirth | Foto: Henrik Andree
Veröffentlicht am 18.01.2023

Von Susanne Stracke-Neumann

Vorsorge war ein ganz wichtiger Begriff bei der heutigen BASECAMP FishBowl-Diskussion zur Frage „Wie resilient ist Deutschland gegenüber Krisen wirklich?“. Die Corona-Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine haben gezeigt, dass Vieles, wie die essenzielle Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Arzneien, Energie und Kommunikation, als selbstverständlich vorhanden betrachtet wurde. Der Vorsorgegedanke ist in der Wirtschaft, aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, zu stark der Effizienz, der globalen Lean-Production, der Just-in-Time-Haltung untergeordnet worden.

Der Krieg in der Ukraine, Naturkatastrophen wie im Ahrtal, Sabotageakte wie an den Pipelines in der Ostsee haben die Aufmerksamkeit wieder auf die grundlegenden Einrichtungen der kritischen Infrastruktur, der KRITIS, gelenkt. Die Ereignisse haben den Stellenwert dieser und die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft verdeutlicht, erklärte Johann Saathoff, Staatssekretär bei der Bundesministerin des Innern und für Heimat, der an einem KRITIS-Dachgesetz arbeitet. „Die Resilienz der KRITIS ist von höchster Bedeutung“, unterstrich Saathoff und wies darauf hin, dass es heute mehr Sicherheitsregelungen für die Cyber- als für die analoge Welt gebe.

Daher soll mit dem KRITS-Dachgesetz zum ersten Mal das Gesamtsystem zum physischen Schutz Kritischer Infrastrukturen in den Blick genommen und gesetzlich geregelt werden, so Saathoff.

Johann Saathoff, Staatssekretär bei der Bundesministerin des Innern und für Heimat | Foto: Henrik Andree

Saathoffs Programm ist ein Kreislauf in vier Phasen: Erstens Risikoanalysen und Prävention, zweitens Material- und Personalressourcen beschaffen und die Öffentlichkeit informieren, drittens Bewältigung der eingetroffenen Katastrophenlagen mit frühzeitiger Warnung der Bevölkerung, und viertens, als Schlussstein, der wieder zum Anfang führt, die Auswertung der Ereignisse und Hilfsmaßnahmen samt Prävention für Kommendes.

Generalleutnant Carsten Breuer, Befehlshaber des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr, wies darauf hin, dass kritische Infrastruktur nicht nur Versorgung bedeutet. Wenn, wie bei Corona, bis zu einem Drittel der Mitarbeiter:innen der kritischen Infrastruktur selbst durch Krankheit ausfallen, dann zeige dies, dass die Vorsorge für kritische Situationen nicht ausreichend war. Hier schlössen sich Resilienz und Effizienz gegenseitig aus, unterstrich der Offizier und fügte seinen eigenen Beruf als Beispiel an: Der Staat leiste sich eine Bundeswehr. Diese sei zwar nicht effizient, da nicht dauernd im Einsatz. Aber sie diene der Resilienz, denn sie sei als Vorsorge da, für den Notfall.

Johann Saathoff, Marina Grigorian, Generalleutnant Carsten Breuer und Prof. Dr. Manfred Hauswirth | Foto: Henrik Andree

Die Technologie allein könne keine Krisensituation meistern, erklärte der österreichische Informatiker Manfred Hauswirth, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts FOKUS, und meinte sarkastisch Ein Depp mit `ner App ist immer noch ein Depp.“ Bei der Krisenkommunikation gelte es auch soziologische Fragen zu beachten, denn Menschen reagierten oft anders als vorhergesehen. Deshalb arbeite das Fraunhofer-Zentrum für die Sicherheit Sozio-Technischer Systeme (SIRIOS), eng mit allen „Blaulichtorganisationen“, von der Polizei über Feuerwehr, Rettung etc., zusammen, um Lücken oder Fehlüberlegungen im Notfallsystem zu entdecken.

Prof. Dr. Manfred Hauswirth Geschäftsführender Institutsleiter Fraunhofer-Institut FOKUS | Foto: Henrik Andree

Auch Hauswirth sieht das Problem im „Primat der Effizienz“: „Je optimierter ein System ist, desto anfälliger ist es.“ Gebe es nicht genügend Redundanz, also Ausweichmöglichkeiten, doppelte Stränge, dann sei das System zwar effizient, aber nicht sehr resilient. Für Moderatorin Marina Grigorian vom BASECAMP war das die passende Gelegenheit, auszuführen, dass der Redundanz-Gedanke eben wegen der Resilienz insbesondere bei der Telekommunikationsnetzen eine wesentliche Rolle spiele

Staatssekretär Saathoff äußerte die Hoffnung, dass die Resilienz-Idee nun ebenso Einzug in die Unternehmensplanungen halte, wie es in den vergangenen Jahren zunehmend mit der Beachtung der Nachhaltigkeitsziele gelungen sei. Dazu gehöre auch das eigene Überdenken der Lieferketten.

„Auch Unternehmen müssen sich zunehmend um Resilienz kümmern“.

Johann Saathoff, Marina Grigorian und Generalleutnant Carsten Breuer | Foto: Henrik Andree

Der Staat habe in der Coronakrise beispielsweise mit dem Kurzarbeitergeld sehr resilient reagiert, meinte Saathoff. Jetzt müssten sich viele andere Akteur:innen, und zwar auch außerhalb der klassischen KRITIS, klar darüber werden, dass sie zur kritischen Infrastruktur gehören und entsprechende Vorsorge, analoger und auch digitaler Art, treffen.

Die Forderung nach mehr europäischer digitaler Souveränität aus dem Publikum beantwortete der Wissenschaftler Hauswirth hingegen mit dem Hinweis, dass es in einigen Bereichen gegen Giganten wie Google oder Amazon keine Souveränität mehr zu erreichen gebe: „Der Zug ist abgefahren.“ Allerdings wäre einiges mehr möglich, zum Beispiel im Gesundheitswesen, wenn die „in Deutschland sehr verkrustete Diskussion um den Datenschutz aufgebrochen“ werden könnte:

„Vertraut doch eurem Staat mindestens so sehr wie Facebook!“.

Impressionen von dieser Veranstaltung:

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