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Artikel

BITKOMs Thesenpapier zur Arbeit 4.0

25

Okt
2016

Veröffentlicht am 25.10.2016

Am 29. November ist es soweit: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) stellt im Berliner Westhafen Event & Convention Center das Weißbuch zu Arbeit 4.0 vor. Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) bestätigte dem TPM auf Nachfrage, dass noch am Weißbuch gearbeitet werde, der Prozess aber kurz vor dem Abschluss stehe. Die Einladungen zur Abschlusskonferenz würden in Kürze verschickt.

Auch die Stakeholder positionieren sich: Der Bitkom hat ein Thesenpapier zur Arbeit 4.0 vorgelegt. Auf fünf Seiten stellt der Branchenverband Thesen zur Zukunft der Arbeit vor und stellt konkrete Forderungen zum Arbeitsrecht, zur Bildung und zur Rekrutierung von Fachkräften. Das Papier stellt zu Beginn die wirtschaftliche Bedeutung des Themas heraus: „Die Weichen, die wir heute stellen, werden maßgeblich über die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland entscheiden“, heißt es.

Die fünf Thesen lauten:

  • Digitalisierung ersetzt, verändert und schafft neue Berufe.
  • Digitalisierung führt zu räumlicher und zeitlicher Flexibilisierung von Arbeit
  • Disruptive Erwerbsbiografien nehmen zu.
  • Digitale Kompetenz wird zur Kernkompetenz quer durch alle Branchen.
  • Deutschland mangelt es an Fachkräften. Dieser Trend wird sich weiter verschärfen.

Beim Thema „neue Berufe“ weist der Bitkom darauf hin, dass in den klassischen Ausbildungsberufen große Veränderungen durch den Einsatz neuer Technologien anstehen. Schon heute bräuchte beispielsweise ein Mechaniker für die Ausübung seines Berufs neben dem handwerklichen Geschick eine ausgeprägte digitale Kompetenz. Körperlich anstrengende und zum Teil auch gefährliche Arbeiten könnten künftig weiter reduziert werden.

„Arbeitsplätze werden ins-besondere in technischen, wissensintensiven, kreativen und sozialen Berufen geschaffen sowie im Bereich der neuen Geschäftsmodelle und Plattformen“,

so der Bitkom. Neue Anforderungen an Berufsbilder würden auch davon beeinflusst, wie sich wettbewerbsfähige Wertschöpfung entwickelt und welche Aktivitäten als wertschöpfend erachtet werden.

Zur räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung von Arbeit merkt der Bitkom an, dass es dabei nicht nur um technische Entwicklungen, sondern auch um einen Wandel der Unternehmenskultur geht. Es bedürfe einer Kultur, in der der Wert eines Mitarbeiters nicht danach bemessen wird, wie lange er an seinem Schreibtisch gesessen, sondern ob er seine Ziele erreicht habe. Bei den Arbeitnehmern bestehe der Wunsch nach mehr Arbeitszeitsouveränität, neue Technologien ermöglichten es den Mitarbeitern zu arbeiten, wann und wo sie wollen.

Bei der Diskussion um künftige Erwerbsbiografien ist der Bitkom der Auffassung, dass es nicht darum geht, ein neues Normalarbeitsverhältnis zu definieren:

„Das, was Mitte der achtziger Jahre als normal definiert wurde, ist heute nicht mehr normal und wird es für nachfolgende Generationen noch weniger sein“, heißt es im Thesenpapier. Das Ziel müsse es daher sein, „ die Vielfalt an Möglichkeiten zukunftsorientiert in einem möglichst flexiblen, gleichzeitig aber verlässlichen rechtlichen Rahmen einzubetten“.

Digitale Kompetenz werde in Zukunft genauso wichtig sein wie fachliche oder soziale Kompetenz. Auch Führungskräfte müssten in Zukunft neue digitale Fähigkeiten an den Tag legen. Durch die Digitalisierung werden sich die Aufgaben in Unternehmern weiter verändern. Als Beispiel nennt der Bitkom den Lkw-Fahrer, der künftig während der Fahrt statt den Wagen zu lenken, Bestellungen und Routen managt. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen werde das lebens-begleitende Lernen für Beschäftigte immer wichtiger. Das gegenwärtige System der Weiterbildung sei dafür zu komplex und unübersichtlich.

Um die steigende Nachfrage nach Spezialisten zu decken, müssten die Potenziale im Land besser ausgeschöpft werden. „Dies wird vor allem dann gelingen, wenn Arbeitsformen auf die Anforderungen der Mitarbeiter reagieren und flexibel ausgestaltet werden“, meint der Bitkom.

Mehr Flexibilität fordert der Bitkom dann auch konkret im Arbeitsrecht. So müsse das Arbeitszeitgesetz flexibler ausgestaltet werden:

„Die gesetzlich vorgeschriebene elfstündige Ruhepause ist beispielsweise nicht mehr zeitgemäß und steht dem Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten entgegen.“

Das sieht auch der Handelsverband Deutschland (HDE) so. Dessen Präsident Josef Sanktjohanser kritisierte am 18. Oktober beim Wirtschaftsforum der SPD die Konsequenzen dieser Regelung. So müsse ein Arbeitnehmer nach Beantwortung seiner letzten dienstlichen Mail zwingend eine elfstündige Ruhezeit einhalten, auch dann, wenn er seine Zeit vorher mit den Kindern oder im Restaurant verbracht habe.

„Um die Arbeitswelt der Zukunft zu gestalten, muss geprüft werden, ob die aktuelle Gesetzeslage noch zeitgemäß ist“,

so Sanktjohanser. Der Bitkom fordert in seinem Thesenpapier, die Digitalwirtschaft grundsätzlich von den Einschränkungen bei Arbeitnehmerüberlassung und Werkverträgen auszunehmen. Die Regelungen sollte sich „auf jene Branchen konzentrieren, in denen tatsächlich prekäre Arbeitsbedingungen vorherrschen.“

Beim Themenbereich Bildung spricht sich der Bitkom dafür aus, dass der Erwerb digitaler Kompetenzen „zu einem zentralen und messbaren Erfolgsfaktor“ des Bildungssystems werden – von der Schule, über die Ausbildung bis zur Hochschule und zur betrieblichen Weiterbildung. So solle „über die gesamte Bildungskette hinweg“ eine übergreifende Bildungscloud eingeführt werden, die individuelles und interaktives Lernen unterstütze und für jeden zugänglich sei. Zu den Kompetenzen, die für den Umgang mit der Digitalisierung vermittelt werden sollen, gehören nach Meinung des Verbandes insbesondere die Befähigung zu Individualisierung und Selbstmanagement.

Unter der Überschrift „Fachkräftesicherung“ fasst der Bitkom Forderungen zur Öffnung des Arbeitsmarktes und zur Rekrutierung von Fachkräften zusammen. So spricht er sich dafür aus, Einwanderern und Geflüchteten uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt zu gewähren. Auch solle das Zuwanderungsgesetz angepasst werden, um Zuwanderung zu erleichtern. Zur Verbreiterung der Fachkräftebasis schlägt der Bitkom vor, dass der Nachwuchs bereits in der Schule für technische Berufe begeistert wird. Um die in Deutschland vorhandenen Potentiale besser auszuschöpfen, sollten

„mehr Frauen in die IT geholt und erfahrene Mitarbeiter in der IT gehalten werden“.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Tagesspiegel Politikmonitoring auf UdL Digital. Sascha Klettke ist Chef vom Dienst und Analyst für Netzpolitik.

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Über den Autor

Sascha Klettke ist Chef vom Dienst und Analyst für Netzpolitik beim Tagesspiegel Politikmonitoring. Seine Artikel erscheinen im Rahmen einer Kooperation mit dem Tagesspiegel Politikmonitoring auf UdL Digital.