Was unser Gehirn braucht – und KI nicht kann: Interview mit Dr. Dr. Damir del Monte
Wie nimmt unser Gehirn die Welt wahr, und was bedeutet Menschsein in einer zunehmend digitalen Realität? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Dr. Damir del Monte in seinem Buch „Ein Date mit deinem Gehirn“. Darin verbindet er neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit einer anschaulichen Sprache und lädt dazu ein, das eigene Denken, Fühlen und Erleben völlig neu zu entdecken. Der renommierte Neurowissenschaftler wird es bei der nächsten Ausgabe von „Trend2Go!“ am 16. Juli 2026 im BASECAMP (öffnet in neuem Tab) vorstellen.
Im Interview erklärt er vorab, warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt für dieses Buch war, weshalb unser Gehirn eher einem „Resonanzkörper“ als einer Festplatte gleicht und wie wir unsere Aufmerksamkeit im Alltag als wertvolle Ressource schützen können und was uns im Zeitalter der KI unersetzbar macht.
Herr del Monte, warum war genau jetzt die Zeit reif für Ihr erstes Buch „Ein Date mit deinem Gehirn“?
Ich glaube, dass Bücher, ähnlich wie Menschen, ihren eigenen Reifeprozess haben. Denn die Idee zu diesem Buch trage ich seit vielen Jahren in mir. Doch lange Zeit fehlte mir die Gelassenheit, wissenschaftliche Präzision mit persönlicher Begeisterung und sprachlicher Freiheit zu verbinden.
Ich wollte nicht einfach nur ein weiteres Sachbuch über das Gehirn schreiben. Es gibt bereits viele hervorragende Werke, die Wissen vermitteln. Mir ging es um etwas anderes. Ich wollte ein Buch schreiben, das wissenschaftliche Tiefe und Anschaulichkeit verbindet und zugleich berührt.
Dafür musste ich mich von meinem eigenen wissenschaftlichen Perfektionismus lösen. Als Forscher ist man darauf trainiert, Fakten sorgfältig zu prüfen, Begriffe exakt zu definieren und jede Aussage abzusichern. Für dieses Buch brauchte es jedoch zusätzlich den Mut, auf eine andere Ebene zu steigen. Eine Ebene, auf der nicht nur Daten und Fakten sichtbar werden, sondern auch die größeren Zusammenhänge, Muster und Prinzipien, die unser Menschsein prägen.
Vielleicht brauchte ich dafür eine gewisse persönliche und berufliche Reife. Mit dieser reifte auch die Fähigkeit, die Faszination für dieses Organ selbst zum Ausdruck zu bringen. Mit einer Sprache, die wissenschaftlich fundiert bleibt und dennoch Bilder entstehen lässt. Mit einer Sprache, die dazu einlädt, die eigenen „Hirnwelten“ zu entdecken. Mit anderen Worten: Ich wollte gern ein Buch schreiben, dass Freude macht und unaufdringlich zu einer Begegnung mit sich selbst einlädt.
Sie vergleichen das Gehirn mit einem ‚Resonanzkörper‘ statt mit einer Festplatte. Wo genau liegt der Unterschied zwischen echtem menschlichem Fühlen und einer bloß perfekt simulierten Emotion durch eine KI?
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass unsere Gefühle nicht allein im Gehirn entstehen. Sie sind Ausdruck der Lebendigkeit eines gesamten Organismus. Wenn wir Angst, Freude, Trauer oder Liebe erleben, dann verändert sich nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Hormonhaushalt, Immunaktivität, Darmfunktion und unzählige weitere körperliche Prozesse geraten in Bewegung. Das Gehirn empfängt fortlaufend Rückmeldungen aus diesem inneren Orchester des Körpers und erzeugt daraus das, was wir als Gefühl erleben.

Eine Festplatte speichert Informationen. Ein Resonanzkörper hingegen schwingt. Er steht in einem ständigen Austausch mit dem, was ihn umgibt und mit dem, was in ihm selbst geschieht. Dieses Mitschwingen kann tatsächlich gemessen werden. Ein raumzeitliches Aktivierungsmuster, dass uns aus der Welt erreicht und das vom Gehirn aufgenommen und mit eigenen Rhythmen verbunden wird.
Eine KI kann Emotionen simulieren. Der Mensch hingegen erlebt sie. Zwischen beiden liegt der Unterschied zwischen der Beschreibung eines Sonnenaufgangs und dem tatsächlichen Erleben des ersten warmen Lichtstrahls auf der Haut. Gefühle sind deshalb nicht einfach Daten. Sie sind verkörperte Bedeutung. Sie entstehen dort, wo Gehirn, Körper und Welt zu einem lebendigen Resonanzraum verschmelzen.
Ihr Buch nimmt uns die Angst vor der Digitalisierung. Welches mentale Werkzeug schützt unser Gehirn ganz praktisch gesehen im Alltag vor dem digitalen Burnout?
Wenn ich nur ein einziges mentales Werkzeug nennen dürfte, dann wäre es die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit wieder als das zu begreifen, was sie wirklich ist: eine sehr wertvolle Lebensressource. Wenn wir verlernen, zwischen dem zu unterscheiden, was wichtig ist, und dem, was lediglich laut ist, wird es problematisch.
Unser Gehirn wurde nicht dafür gebaut, hundertmal am Tag aus Gedanken, Gesprächen und Tätigkeiten herausgerissen zu werden. Jede Benachrichtigung, jede Schlagzeile zieht ein wenig an unserer Aufmerksamkeit. Das Gehirn kann damit umgehen, aber nicht unbegrenzt. Es zahlt einen Preis. Konzentration wird flacher, innere Unruhe nimmt zu, und irgendwann entsteht das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein, ohne wirklich bei etwas anzukommen.
Das wirksamste Gegenmittel ist deshalb überraschend einfach, bewusste Präsenz. Die entscheidende Frage dabei lautet: Wem oder was möchte ich in diesem Moment meine Aufmerksamkeit schenken? In dem Augenblick, in dem wir diese Frage wieder selbst beantworten, gewinnen wir ein Stück geistiger Autonomie zurück.
Digitaler Burnout entsteht nicht primär durch zu viele Informationen. Er entsteht dort, wo wir die Hoheit über unsere Aufmerksamkeit verlieren. Unser Gehirn braucht deshalb nicht einfach nur weniger Technik. Es braucht mehr Momente, in denen wir bewusst entscheiden, was in unserem inneren Raum überhaupt einen Platz bekommen darf.
Event-Hinweis:
Am 16. Juli wird Dr. Dr. Damir del Monte zu Gast bei BASECAMP Trend2Go! (öffnet in neuem Tab) sein und mit Nicole Nehaus-Laug über sein Buch „Ein Date mit deinem Gehirn“ zu sprechen.
KI generiert fehlerfreie Texte, aber Sie betonen die Kraft des menschlichen Erzählens. Warum sind Geschichten für unsere Psyche überlebenswichtig?
Weil der Mensch nicht in Fakten lebt, sondern in Bedeutungen. Unser Gehirn ist keine Maschine, die lediglich Informationen sammelt. Es ist ein Organ, das ununterbrochen versucht, aus den Ereignissen des Lebens Sinn zu machen. Geschichten sind dabei eines der ältesten und wirkungsvollsten Werkzeuge, die wir besitzen. Geschichten helfen dem Gehirn, die Komplexität der Welt zu reduzieren. Sie verbinden einzelne Ereignisse zu einem Zusammenhang, verleihen Erfahrungen eine Richtung und schaffen Orientierung in einer oft unübersichtlichen Wirklichkeit.
Geschichten sind deshalb weit mehr als Unterhaltung. Sie sind die Brücken, über die Erfahrungen in unser Selbstbild integriert werden. Sie helfen uns, aus Schmerz Erkenntnis, aus Scheitern Entwicklung und aus Zufällen einen Lebensweg zu formen.
KI kann beeindruckende Geschichten erzeugen. Was ihr jedoch fehlt, ist die existenzielle Verankerung. Sie hat keine Kindheit, keine Verluste, keine Hoffnungen, keine Sterblichkeit. Sie kennt die Struktur einer Geschichte, aber nicht die Erfahrung, die ihr Gewicht verleiht.
Vielleicht sind Geschichten deshalb so mächtig, weil sie etwas leisten, das keine Datenbank der Welt kann. Sie verwandeln bloße Ereignisse in gelebte Bedeutung.
Mit Blick auf unser Event: Gibt es spezielle Themen und Fragestellungen, auf die Sie sich besonders freuen?
Mich interessiert nicht in erster Linie die Technologie selbst, sondern die Frage, was sie mit uns Menschen macht. Wie verändert sich unser Denken, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist? Welche Fähigkeiten werden in Zukunft wichtiger statt unwichtiger? Wie bewahren wir Konzentration, Urteilskraft und emotionale Tiefe in einer Welt permanenter Ablenkung? Und woran erkennen wir eigentlich, was den Menschen auch in Zukunft einzigartig macht?
Ebenso spannend finde ich die Frage, wie wir die Erkenntnisse der Neurowissenschaften nutzen können, um mit den Herausforderungen unserer Zeit konstruktiv umzugehen. Am Ende geht es nicht nur darum, wie sich die Welt verändert. Es geht darum, wie wir uns als Menschen inmitten dieser Veränderungen weiterentwickeln ohne uns zu verlieren.
Zur Person: Dr. Dr. Damir del Monte
Geboren in Zadar an der kroatischen Küste, lebt Dr. Dr. Del Monte heute mit seiner aus Madrid stammenden Ehefrau in Deutschland. Sein akademischer Weg begann mit dem Studium der Psychologie, das er mit einer Promotion bei Prof. G. Fischer abschloss. Seine Forschungsschwerpunkte lagen dabei auf der Psychotraumatologie und der Lernforschung, stets begleitet von klinischen Ausbildungen und Spezialisierungen in der Psycho-, Trauma- und Schmerztherapie.
Es folgte ein Studium der Medizin-Wissenschaft an der Universität Heidelberg (Vorklinik) und der PMU Salzburg. Dort promovierte er in der neurowissenschaftlichen Depressionsforschung am Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung unter Prof. G. Schiepek, dem er bis heute als freier Wissenschaftler verbunden ist.
Als Dozent für Funktionelle Neuroanatomie und Neurobiologie der Psychotherapie nimmt er Lehraufträge an verschiedenen europäischen Universitäten wahr. Zudem teilt er als internationaler Keynote Speaker seine Begeisterung für die Neurowissenschaften mit einem weltweiten Publikum. Als Geschäftsführer der Encephalon GmbH verbindet er schließlich Praxis, Forschung, Lehre und Kreativität zu einer synergetischen Einheit, in der Passion und Beruf perfekt ineinandergreifen.

