W3C im Telefónica BASECAMP: WWW als Düsenantrieb für die Industrie 4.0

Veröffentlicht am 23.02.2017

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Das World Wide Web (WWW) wird immer intelligenter. Ab jetzt können auch Maschinen, Autos und Roboter damit arbeiten. Das zeigte sich am Dienstag bei der Veranstaltung des World Wide Web Consortium (W3C) und des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) im Telefónica BASECAMP. Websurfen ist nicht mehr nur für Menschen möglich, sondern auch für Maschinen und künstliche Intelligenzen (KI). Das Internet der Dinge vernetzt die ganze Welt und das W3C entwickelt die benötigten Kommunikationsstandards dafür.

Wir befinden uns in der zweiten Welle der Digitalisierung“, sagte Prof. Wolfgang Wahlster, CEO des DFKI, zu Beginn des Abends, an dem das Telefónica BASECAMP voll bis auf den letzten Platz war. Während die erste Welle vor allem an Bildschirmen stattfand, die Daten für uns Menschen lesbar machten und beispielsweise Webseiten anzeigten, stehe nun die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation (M2M) sowie die maschinelle Interpretation von digitalen Daten im Mittelpunkt.

W3C Event im Telefónica BASECAMP
Foto: Henrik Andree

Auf der Grundlage des WWW werde jetzt ein neues Web der Dinge geknüpft, erklärte der Erfinder des Begriffs Industrie 4.0, das geradezu ein „Düsenantrieb“ für die Entwicklung von Produkten, Services und sogar Fabriken mit eigener Intelligenz sei. Durch neue Techniken wie Plug-and-Produce, mit der neue Maschinen sich selbst bei den vorhandenen intelligenten Geräten einer Firma vorstellen und damit punktgenau einbinden lassen, könne die KI allein in Deutschland jährlich eine Billion Euro zur Bruttowertschöpfung beitragen. Die Unternehmensberatung Accenture geht davon aus, dass dieser Wert in 18 Jahren erreicht wird.


Künstliche Intelligenz und das World Wide Web: Graphic Recording von Nina Neef

Doch schon jetzt sind solche Lösungen in der Bundesrepublik im Einsatz. Allein bei Bosch seien bereits mehr als 5.000 Maschinen in elf Fabriken vernetzt, wodurch sich Produktivitätssteigerungen von bis zu 25 Prozent ergeben hätten. Und zur CeBIT wird das DFKI die Nachfolger der selbstfahrenden Autos vorstellen: autonome Landmaschinen von Claas, die Züge ohne Fahrer von der Erzgebirgbahn und sogar autonome Containerschiffe, von denen vier bereits auf der Elbe unterwegs sind.

W3C-Standards: Universalsprache für die Industrie 4.0

Damit solche Maschinen allein miteinander kommunizieren können, ohne dass ein Mensch eingreift, sind geeignete Standard-Sprachen nötig. Sie werden gerade in verschiedenen Arbeitsgruppen des W3C entwickelt, sodass auch Geräte von unterschiedlichen Herstellern blitzschnell Informationen austauschen können. Das technische Fundament dafür sei schon vor Jahren gelegt worden: durch das semantische Web, das bereits 2005 vom W3C vorgestellt wurde, erklärte der DFKI-Chef. Doch ab jetzt gelte es, einen „orchestrierten Austausch zwischen Geräten mit Syntax und Semantik“ hinzubekommen.

W3C Event im Telefónica BASECAMP
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Die benötigten offenen Systemarchitekturen seien schon vorhanden. Aber nun müssten einheitliche Programmierschnittstellen (API) und weitgehend genormte Bausteine für komplexe KI-Systeme definiert werden. Am besten würden sich dafür anerkannte W3C-Standards eignen, die als „Kleber“ dienen und eine reibungslose Zusammenarbeit garantieren können. So wie es bereits einmal am Anfang der Neunzigerjahre geschah, als HTML und HTTP-Protokoll plötzlich den Abruf von Webseiten aus der ganzen Welt auf jedem Computer ermöglichten. Auch diese Standards wurden beim W3C erarbeitet und werden dort bis heute weiterentwickelt.

Prof. Wolfgang Wahlster (DFKI) im Telefónica BASECAMP.
Prof. Wolfgang Wahlster (DFKI) im Telefónica BASECAMP.

In dem neuen Web der Dinge sollen dann verschiedene Software-Ebenen wie die Bausteine eines Lego-Hauses ineinandergreifen. Sie können fühlen, verstehen und agieren – und dadurch beispielsweise als digitale Assistenten oder als Gruppen von selbstständig zusammenarbeitenden Robotern oder auch als intelligente Wearables dienen. Eine entsprechende Plattform für KI on Demand sei bereits ein Teil der Überlegungen für Projekte zum künftigen EU-Forschungsrahmenprogramm. Sie lässt sich einfach für die verschiedensten Anwendungen immer neu zusammenstecken.

Neuer Webservice: Künstliche Intelligenz aus der Cloud

Künstliche Intelligenz ist dann als Webservice abrufbar, so wie man es heute von Software, Rechenkapazität oder Speicherplatz aus der Cloud kennt. Die Verbindungsstücke zwischen den Bausteinen sollen die offenen API des W3C sein, denn „Standardisierung ist der Schlüsselfaktor für den Erfolg“, sagte Wolfgang Wahlster.

W3C Event im Telefónica BASECAMP
Foto: Henrik Andree

Damit sprach er allerdings auch den ewigen Kampf an, den das W3C immer wieder ausfechten muss: das World Wide Web für jeden Nutzer frei und verfügbar zu erhalten. „Warum muss ich mir eigentlich in Amsterdam eine Werbung ansehen, die mich auffordert, die App des Flughafens zu installieren?“, fragte Chris Wilson von Google bei der anschließenden Panel-Diskussion. Das Anzeigen von Abflugzeiten sei eine typische Aufgabe für einen Web-Browser und sollte ganz ohne Installation auf jedem Gerät gleich gut funktionieren. Charles McCathie Nevile von der russischen Suchmaschine Yandex zeigte sich dennoch optimistisch, dass HTML als Basissprache des World Wide Web „uns wohl weiter erhalten bleibt.

Besonders HTML5 sei sehr vielseitig und habe ein großes technisches Potenzial, antwortete Christoph Steck von Telefónica S.A., zu der auch Telefónica Deutschland gehört. Doch vor allem in Regionen wie Lateinamerika würden Internet-Nutzer kaum noch mit einem Browser auf ihrem Computer ins Web gehen, sondern fast nur Apps auf Smartphones nutzen.

Herausforderung: WWW vs. Apps – oder Web für Maschinen?

Das ist eine große Herausforderung, denn es ist nicht mehr das offene Multi-Stakeholder-System, das Tim Berners-Lee vor über 20 Jahren erfand“, sagte der Director Public Policy & Internet des Weltkonzerns. Für Telefónica sei es immer am wichtigsten, dass die Kunden selbst entscheiden können, wie sie ihr Leben im Internet gestalten wollen.

Doch auch durch solche neuen Entwicklungen wird  das World Wide Web nicht verdrängt. Es ist „die universellste Kommunikationsplattform der Menschheitsgeschichte“, sagte der W3C-CEO Jeff Jaffe am Dienstag im Telefónica BASECAMP. Das WWW funktioniert bereits auf Computern, Mobiltelefonen, Fernsehern, E-Book-Readern und allen möglichen Geräten für Privatnutzer. Und ab jetzt würden die Anforderungen der Industrie 4.0 mit den Möglichkeiten des Consumer Web zusammengeführt. „Willkommen im Web!“, gilt nun auch für Maschinen.

Mehr Informationen:

W3C im Telefónica BASECAMP: Vom grauen Web zur künstlichen Intelligenz (Telefónica BASECAMP)
Wissenschaftler tüfteln an „Künstlicher Intelligenz auf Abruf“ (heise.de)
Künstliche Intelligenz und das World Wide Web: Technologien für Milliarden von Nutzern und Billionen vernetzter Geräte (W3C)

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