Kulturerbe Digital: Software für die Ewigkeit

CC by 2.0 Flickr User Christian Lambert/Titel: Stone Castle Turret / Ausschnitt angepasst
Veröffentlicht am 31.10.2016

Unter den Schutz des Welterbes fallen bisher Naturstätten wie der Regenwald und Kulturstätten wie die Pyramiden von Gizeh, aber noch keine digitalen Kulturgüter. Schützenswert und Schutzbedürftig sind diese aber trotzdem. Dieser Ansicht sind zumindest die Gründer der neuen internationale Initiative Free Software Foundation Europe. Ihr Ziel ist es, die Archivierung von Software sicherzustellen, um die digitalen Errungenschaften der Menschheit auch für zukünftige Generationen zu erhalten.

„In einer zunehmend digitalen Gesellschaft spielt Software eine zentrale Rolle in unserem alltäglichen Leben, in der Wirtschaft und in der Kunst. Ein Großteil unseres Wissens ist heute in Software abgebildet. Dies macht Software zu einem Kulturgut, das wir als solches für die nachfolgenden Generationen erhalten sollten“,

berichtet Björn Schießle über das Projekt der Initiative Software Heritage, das bereits mehr als 2,6 Milliarden Dateien archiviert hat.

CC by 2.0 Flickr User Christian Lambert/Titel: Stone Castle Turret / Ausschnitt angepasst

Software als Grundlage für modernes Leben

Das Software-Heritage-Projekt wurde im Juni 2016 am französischen Nationalen Forschungsinstitut für Informatik und Automatisierung gegründet und wird vom Softwareriesen Microsoft, der Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences und der Netherlands Organisation for Scientific Research mitfinanziert.

„Die Nachrichten, die wir unseren Verwandten und Freunden schicken, Online-Banking, Online-Shopping, Online-Entertainment, der Behördengang im Internet, die Suchmaschinensuche oder Online-Reisebuchungen: beinahe alles, was wir selbstverständlich in unserem Alltag tun, beruht auf Software“,

erläutern die Projektinitiatoren. Aber dies sei nur der „Spitze des Eisbergs“. Denn die Technologien, die wir zum Reisen, Kommunizieren und Handeln benutzen, basieren heute alle auf Software. Auch die Medizintechnik, der öffentliche Verkehr und das Bankensystem sind vollends digitalisiert. Praktisch jede größere Organisation, jedes Unternehmen, benötigt Software um zu funktionieren.

Software Heritage als Bibliothek der digitalen Welt

Das Archiv des Software-Heritage-Projekts umfasst bereits mehr als 2,6 Milliarden Dateien, 590 Millionen Commits und mehr als 22,7 Millionen Software-Projekte. Damit ist das Archiv schon jetzt die größte Quellcode-Sammlung der Welt. Das Projekt sieht sich als „Bibliothek von Alexandria“ des digitalen Zeitalters, ein gigantischer Speicher digitalen, menschlichen Wissens. Warum das so wichtig ist, verdeutlicht das Beispiel Gary Kildall. Der Erfinder des Betriebssystems CP/M, das seine Firma Digital Research in den 70er-Jahren für Intel entwickelt hatte, war auch Autor des ersten Videospiels, das auf einem Intel-Microchip programmiert wurde. Mit seinem Tod im Jahr 1994 verschwand das Spiel sowie ein Großteil seiner Programme und somit ein wichtiger Teil des digitalen Kulturerbes. Neben der Archivierungsfunktion, soll das Software-Heritage-Projekt auch als Research Tool fungieren. Softwareentwickler, Wissenschaftler, Lehrer und Endanwender sollen den gesammelten Quellcode unter Open-Source-Lizenz wiederverwenden können, um eigene Problemlösungsansätze zu entwickeln.

UNESCO-Charta zur Bewahrung des digitalen Kulturerbes

Die UNESCO hat bereits 2003 eine Charta zur Bewahrung des digitalen Kulturerbes verabschiedet. Die Erklärung, die alle Mitgliedsstaaten der VN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur zum Handeln auffordert, betont, dass

„Ressourcen für Information und künstlerische Ausdrucksweisen zunehmend in digitaler Form produziert, verbreitet, genutzt und erhalten werden und damit ein neues Vermächtnis bilden   –    das digitale Erbe.“

Laut der UNESCO beinhaltet das digitale Erbe neue Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Verbreitung von Wissen zwischen den Völkern, weshalb es unbedingt zu schützen ist. Als Rechtsinstrument kommt eine UNESCO-Charta einer Empfehlung gleich, die die Mitgliedsstaaten aber rechtlich nicht bindet. Obwohl als Reaktion auf die UNESCO-Initiative einige wichtige Schritte zum Schutz des digitalen Erbes auf nationaler Ebene unternommen wurden, ist die Liste des UNESCO-Welterbes bisher nicht um eine neue, digitale Kategorie erweitert worden. Die Wikimedia Foundation hatte bereits erfolglos gefordert die Online-Enzyklopädie Wikipedia in das UNESCO-Welterbe aufzunehmen, das traditionell aus Kultur- und Naturerbe besteht.

CC by 2.0 Flickr User Susan Murtaugh/Titel: Museum Gallery / Ausschnitt angepasst

Digitalisierung von analogem Kulturgut

Auch materielles Kulturgut kann heutzutage digitalisiert werden, um Bücher, Gemälde oder plastische Kunstwerke trotz des natürlichen materiellen Verfalls in der analogen Welt zu erhalten. Die Digitalisierung ihrer Bestände ist für Museen und anderen Kultureinrichtungen bereits eine Hauptaufgabe geworden. Für dreidimensionale Kulturobjekte entwickelt das Fraunhofer-Institut für grafische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt 3D-Technologien zur historisch-korrekten Archivierung. Ziel ist es, auch 3D-Kulturgüter aus Archiven und Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, sie Kulturhistorikern für ihre Forschungsarbeiten zugänglich zu machen und dafür zu sorgen, dass sie „im Fall einer Katastrophe zumindest nicht gänzlich verloren“ gehen. Gemeint sind Vorfälle wie der Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek oder der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln. Dass in frei verfügbaren Kulturdaten jedoch auch ungeahnte Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Weiternutzung schlummern, ist eine Erkenntnis, die sich in der Kulturwelt allerdings erst langsam einstellt.

Schlagworte

Empfehlung der Redaktion