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Artikel

Interview:
„Roboter sind keine Erzieher“

24

Jan
2017

Veröffentlicht am 24.01.2017

CC by 2.0 Flickr User Brad Flickinger/Titel:
student_ipad_school – 234/ Ausschnitt angepasst

Während die Eltern vor dem Fernseher sitzen, schläft ihr Nachwuchs nebenan in der Kinderkrippe. Über dem Baby baumelt eine kleine Kamera, auf dem Nachttisch daneben steht Aristotle – nicht der griechische Philosoph, sondern ein Smart Hub von der US-amerikanischen Firma Mattel, den das Unternehmen kürzlich auf der Elektronikmesse CES 2017 in Las Vegas vorstellte. Aristotle sieht aus wie ein Nachtlicht in der Größe eines Thermobechers und leuchtet auch sanft in allen Farben. Wacht das Baby auf, erkennen das Bewegungssensoren der Kamera und die Eltern erhalten Nachricht auf dem Smartphone. Ein paar Klicks und Aristotle spielt Musik um das Kind zum Einschlafen zu bewegen. Eltern können Wachzeiten dokumentieren oder per Objekterkennung feststellen ob der Windelbestand zu Ende geht – diese kauft Aristotle auf Wunsch auch selbst online ein.

Vom Säugling zum Teenager  – Aristotle soll den Nachwuchs über Jahre begleiten und entwickelt sich mit Hilfe seiner künstlichen Intelligenz weiter. Aristotle spricht und soll selbst Kleinkinder verstehen, verspricht die Firma. Ob das funktioniert, wird sich im Test bereits bei der Aussprache des Namens des Computers zeigen. Dann jedenfalls kann das Kleinkind spielend Tierstimmen lernen oder eine Nachtgeschichte einfordern. Der Grundschüler kann mit Aristotle das ABC lernen und der Teenager nach der Definition von „Datenschutz“ fragen.

Neben Haus- und Lernrobotern gibt es bereits einiges an Technik  und Medien speziell für Kinder, wie Tablets oder Smartphones und zahlreiche Online-Spiele und Lernangebote. Kinder haben zum einen die Chance, spielend den Umgang mit digitaler Technik zu lernen und sogar selbst zu gestalten. Gleichzeitig kommen sie erstmals mit den unbegrenzten Möglichkeiten und Inhalten des Internets in Berührung – dabei ist Vorsicht geboten.

Mit Jugendmedienschutz in Onlinemedien befasst sich der gemeinnützige Verein Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM), der 1997 gegründet wurde. Die dort organisierten Unternehmen und Verbände verpflichten sich, die von FSM entwickelten Verhaltenskodexe einzuhalten und neben der Kontrolle sämtlicher Inhalte zum Beispiel Altersgrenzen für nicht-jugendfreie Inhalte einzuführen, Pop-up-Werbung zu unterlassen und auch externe Links auf Webseiten für Kinder zu kontrollieren. Auch Telefónica Deutschland, die Betreiberin von UdL Digital, gehört zu den Mitgliedern der FSM. Diese hält Unternehmen in Sachen Jugend- und Datenschutz auf dem Laufenden und unterstützt sie bei der Umsetzung. Aber der Verein richtet sich auch an Eltern und Pädagoginnen und unterstützt Projekte, die sich mit Online-Jugendschutz und Medienkompetenz beschäftigen. Außerdem unterhält der Verein eine Beschwerdestelle, über die Nutzer zu beanstandende Inhalte angeben können.

Im Interview mit UdL Digital erklärt Martin Drechsler, Geschäftsführer von FSM, was Unternehmen, Eltern und Pädagogen im Umgang mit den technischen Möglichkeiten für Kinder beachten sollten.

Roboter als Familienmitglieder, ständiger Begleiter und Kommunikationspartner für Kinder – was sind Ihrer Ansicht nach die Vorteile und die Risiken dieses neuen Trends? Kann es zu früh und zu viel Technik für Kinder geben?

Mit technischen Innovationen verändert sich auch das Familienleben. Damit verbunden ist immer die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang und inwieweit Kinder und Jugendliche Zugang erhalten sollten. Mit smarten, sprachgesteuerten Assistenten speziell für Kinder verhält es sich nicht anders. Dabei kann es von Vorteil sein, wenn die Windeln automatisch bestellt werden und niemals ausgehen oder Eltern in der Nacht via Kamera nachsehen können, ob es dem Baby gut geht. Technik kann bei der Vermittlung „analoger“ Skills unterstützen, z.B. durch kleine Lernspiele oder Fremdsprachenunterricht. Jedoch müssen die Grenzen und Fähigkeiten solcher Geräte beachtet werden. Sie sind – auch wenn sie dies vorspielen wollen – kein Erzieher, kein Freund oder Aufpasser und sollten es auch niemals sein. Und vor allem können sie keine erzieherischen Aufgaben von Eltern übernehmen. Diese müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie die Verantwortung für die Erziehung und die geistig-emotionale Entwicklung ihres Kindes innehaben. Immer dann, wenn ein Device – in welcher Form auch immer – Erziehungsaufgaben übernimmt, müssen Eltern einen kritischen Blick auf ihre eigene Mediennutzung und die in der Familie werfen.

Zusätzlich dienen viele dieser Geräte auch der lückenlosen Überwachung von Kindern und Jugendlichen. Nicht nur GPS-, sondern auch Sprachdaten werden gespeichert und sind abrufbar. Dies gilt auch für Dinge, die die Kinder im Vertrauen mitteilen und die nicht von den Eltern gehört werden sollen – diese Intimsphäre steht auch Kindern und Jugendlichen zu, und es ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe, selbst zu entscheiden, wem sie den Zugang dafür erlauben. Hierbei geht es um die grundsätzliche Frage und Anforderung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Eltern und ihren Kindern, das durch die Ausnutzung gespeicherter Daten auch negativ gestört werden kann.

Auch der Aspekt der Speicherung der Daten selbst sollte zumindest kritisch beobachtet werden. Kinder und Jugendliche sollten hierbei einen besonders hohen Schutz genießen. Nicht zuletzt müssen Wirkungsmechanismen und Auswirkungen in fundierten wissenschaftlichen Studien untersucht werden. Hier besteht derzeit sowohl auf der Seite der Hersteller als auch auf der Seite der Medienwirkungsforschung ein Defizit.

Stichwort Selbstkontrolle. Denken die Unternehmen bereits bei der Entwicklung neuer Technologien an den Jugendschutz?

Für Unternehmen ist es geld- und zeitsparend, schon früh den Kinder- und Jugendschutz mitzudenken. Das Stichwort ist hier „Safety by design“. Es kann mühevoll und teuer sein, Produkte oder Inhalte nachträglich anpassen zu müssen. Außerdem drohen empfindliche Bußgelder, wenn Verstöße gegen die Jugendschutzgesetze festgestellt werden. Die Mitglieder der FSM greifen oft bereits während der Entwicklungsphasen auf die Expertise der FSM zurück bzw. beauftragen unsere Gutachterkommission – ein interdisziplinär zusammengesetztes Expertengremium – mit der Evaluation von Sachverhalten oder Produkten.

Für Kinder sind die Eltern die ersten Lehrer und Vorbilder. Die FSM unterstützt ihre Mitgliedsunternehmen deshalb, auch die Medienkompetenz ihrer erwachsenen Kunden zu schulen. Wie sieht das aus?

Eine sinnvolle Medienerziehung fängt bei der kritischen Reflexion der eigenen Mediennutzung von Eltern, Erziehern oder auch Lehrern an. Sie müssen sich ihres Vorbildcharakters bewusst sein und Medienphänomene gesellschaftlich wie individuell einordnen, aktuelle Herausforderungen analysieren und deren möglichen positiven wie negativen Folgen für ihre Erziehungsarbeit sowie für Kinder und Jugendliche selbst abschätzen können. Diese Aufgabe stellt eine große Herausforderung dar und wird tendenziell mit neuen Medientechnologien nicht einfacher. Deshalb unterstützt die FSM gemeinsam mit ihren Mitgliedsunternehmen – neben anderen zahlreichen Initiativen und lokalen Medienwerkstätten etc. – unterschiedliche Zielgruppen mit spezifischen Angeboten. Eltern werden bspw. durch einen Internet Guide zahlreiche Tipps zur Medienerziehung in der Familie gegeben.

Für Lehrer und Erzieher bietet die FSM gemeinsam mit zahlreichen Projektpartnern vielfältige Unterrichtsmaterialien zu medialen Herausforderungen und Chancen digitaler Medien im Projekt „Medien in die Schule“ an. Die Materialien, die nicht nur aus klassischen Unterrichtsverläufen bestehen, sondern ebenfalls aus vielfältigen Zusatzmaterialien (z.B. Videos und Infografiken), werden stetig aktualisiert und überarbeitet. Zusätzlich werden Lehrer und Erzieher durch interaktive Lerneinheiten dabei unterstützt, auch für sie neue Inhalte und Themen zu erarbeiten.

Nicht nur die genannten Services dienen der Unterstützung von Eltern und Lehrern. Auch die stetige Beratung unserer Mitgliedsunternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung von Angeboten ist der FSM besonders wichtig. Zusätzlich engagiert sich die FSM in aktuellen politischen wie gesellschaftlichen Debatten um die Berücksichtigung kindlicher und jugendlicher Interessen in der mediatisierten Netzwerkgesellschaft.

Sie beraten Eltern zum Umgang ihrer Kinder mit Medien. Was sind Ihrer Erfahrung nach häufige Fehler? Haben Sie zum Abschluss ein paar Tipps?

Eltern wünschen sich oftmals klar zu befolgende Regeln und Tipps. Dabei vergessen sie oft, dass ihr Kind individuell und einzigartig ist und dass die Erziehung es ebenso sein sollte. Die Eltern sind schließlich sozusagen die Erziehungsprofis für ihr eigenes Kind, und die individuellen Bedürfnisse müssen immer im Kontext der gesamten Familie betrachtet werden. Das erfordert eine kritische Selbstreflexion der eigenen und familiären Mediennutzung, aber auch ein gewisses Selbstvertrauen in die eigenen (Erziehungs-)Fähigkeiten. Dementsprechend ist der wichtigste Tipp für einen gelingenden Umgang mit digitalen Medien, Offenheit und Neugier für die medialen Präferenzen des Kindes zu entwickeln und das stetige Gespräch zu suchen. Gerade bei möglichen Gefahren oder Problemen sollte sich das Kind vertrauensvoll an die Eltern wenden können, ohne Angst vor Repression oder Bestrafung haben zu müssen. Medien können gemeinsam erlebt und in den Familienalltag integriert werden. Dies schafft ggf. auch gemeinsame Erlebnisse. Jedoch sollten hierzu auch klare und für alle Familienmitglieder geltende Regeln aufgestellt werden. Dies dient der Schaffung eines geeigneten Umfelds für die Mediennutzung der Kinder. Hierzu gehört ebenfalls die Einrichtung von Schutzmechanismen wie eigene Benutzerkonten, die Nutzung von Kindersuchmaschinen wie fragFINN.de und die Installation von Jugendschutzprogrammen, die der Individualisierung und Anpassung an kindliche Nutzungsgewohnheiten dienen. Nicht zuletzt sollten Eltern ihre Kinder bei der Auswahl passender Medienangebote beraten und unterstützen. Viele weitere Tipps finden sich auf der Elternseite der FSM.

Wir weisen darauf hin, dass bei unseren öffentlichen Veranstaltungen auch Bild- und Tonmaterial in Form von Fotos oder Videoaufzeichnungen durch von uns beauftragte oder akkreditierte Personen und Dienstleister erstellt wird. Die Aufnahmen werden für die Event-Dokumentation und Event-Kommunikation auf den Social-Media-Kanälen des BASECAMP genutzt. Sie haben das Recht auf Information und weitere Betroffenenrechte. Informationen zu unseren Datenverarbeitungen sowie Ihren Betroffenenrechten finden Sie hier.