Von Datenräumen bis Quantenkommunikation: Wie EU-Förderprogramme digitale Souveränität stärken

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Digitale Souveränität ist längst mehr als ein politisches Schlagwort: Sie ist zur handfesten industriepolitischen Agenda geworden, die die EU mit milliardenschweren Förderprogrammen (öffnet in neuem Tab) unterlegt. Für Unternehmen, Verwaltungen und Forschungseinrichtungen eröffnet sich damit ein ganzes Ökosystem an Finanzierungsinstrumenten, das Europas Abhängigkeit von außereuropäischen Tech-Giganten reduzieren und eigene Fähigkeiten stärken soll. Zumindest in der Theorie.

Warum digitale Souveränität?

Mit der Digitalstrategie und den Zielen der „Digitalen Dekade (öffnet in neuem Tab)“ verfolgt die EU das Ziel, zentrale digitale Schlüsselressourcen (von Cloud- und Dateninfrastruktur über Mikroelektronik bis hin zu KI und Quantenkommunikation) in Europa aufzubauen und vorzuhalten. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber gerade geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten und die Dominanz weniger globaler Anbieter, machen besonders deutlich, dass die EU ihre technologische Handlungsfähigkeit (öffnet in neuem Tab) behaupten muss.

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Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht die Illusion einer reinen Autarkie, sondern die Fähigkeit, zentrale digitale Infrastrukturen, Datenflüsse und Sicherheitsarchitekturen selbstbestimmt zu gestalten. Entsprechend zielen die Förderprogramme (öffnet in neuem Tab) auf „Enabler“: leistungsfähige Rechenzentren, vertrauenswürdige Cloud‑ und Edge‑Dienste, sichere Kommunikationsnetze, eigene Chipkompetenzen sowie ein resilienter Datenraum für Wirtschaft und Verwaltung.

Programm „Digitales Europa“: Infrastruktur und Datenräume

Zentraler Hebel ist das Programm „Digitales Europa (öffnet in neuem Tab)“ (DIGITAL), das von 2021 bis 2027 europaweit den Aufbau strategischer digitaler Kapazitäten finanziert. Es richtet sich insbesondere an öffentliche Verwaltungen, Unternehmen und Organisationen, die gemeinsame Infrastruktur- und Datenprojekte umsetzen wollen.

DIGITAL fördert vor allem fünf Schwerpunkte (öffnet in neuem Tab): Hochleistungsrechner, Künstliche Intelligenz, Cybersecurity, fortgeschrittene digitale Kompetenzen und die breite Nutzung digitaler Technologien in Wirtschaft und Verwaltung. Hinter diesen Schlagwörtern verbergen sich ganz konkrete Souveränitätsprojekte. Ein Beispiel ist der Aufbau gemeinsamer Datenräume auf Basis einer europäischen Cloud‑to‑Edge‑Infrastruktur (öffnet in neuem Tab) sowie Werkzeuge und Governance-Modelle für interoperable Datenökosysteme. Aktuelle Ausschreibungen (öffnet in neuem Tab) adressieren beispielsweise Cloud-, Daten- und KI-Dienste, die in der EU betrieben werden und hohe Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Interoperabilität erfüllen.

Für Anwender und Anwenderinnen vor Ort sind diese Förderlinien vor allem dort spannend, wo branchenspezifische Datenräume für Bereiche wie Industrie, Mobilität oder Städte entstehen. Das Ziel ist es, Ökosysteme zu erstellen, in denen Unternehmen ihre Daten souverän teilen können, Zugang zu Hochleistungsrechnern und vertrauenswürdiger KI erhalten und gleichzeitig auf einheitliche europäische Standards setzen.

IPCEI: Strategische Projekte für Chips, Cloud und Kommunikation

Noch stärker industriepolitisch aufgeladen sind die „Important Projects of Common European Interest (öffnet in neuem Tab)“ (IPCEI). Hinter dem bürokratischen Begriff steht die Planung von Großprojekten, bei denen mehrere Mitgliedstaaten koordinierte Förderungen vergeben, um besonders strategische Wertschöpfungsketten in Europa aufzubauen.

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Ein prominentes Beispiel ist das IPCEI für Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien (öffnet in neuem Tab) (IPCEI ME/CT), das bis zu 8,1 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln mobilisiert und zusätzliche 13,7 Milliarden Euro private Investitionen anstoßen soll. In 68 Teilprojekten von 56 Unternehmen, von Materialentwicklung über Chipdesign bis hin zu Kommunikationsmodulen, sollen energieeffiziente Mikroelektronik, 5G- und 6G-Komponenten, KI‑fähige Systeme und Anwendungen für autonomes Fahren oder Quantencomputing entwickelt werden. Ziel ist, kritische Komponenten künftig häufiger in Europa zu entwickeln und zu produzieren und damit Abhängigkeiten in der Chipversorgung zu verringern.​

Parallel dazu läuft mit IPCEI-CIS (öffnet in neuem Tab) ein Großprojekt für Cloud-Infrastruktur und -Services, das von der Kommission unterstützt werden soll. Hier geht es darum, Cloud- und Edge‑Kapazitäten in der EU zu stärken, dezentrale Anbieter zu vernetzen und offene Standards voranzubringen und damit ein Gegenmodell zu wenigen globalen Hyperscalern zu bieten.

Das IPCEI-AI verfolgt das Ziel des Aufbaus eines leistungsfähigen, souveränen und industrieorientierten KI-Ökosystems in Europa. Im Fokus stehen hoch spezialisierte KI-Modelle für industrielle Anwendungen, die über allgemeine KI-Modelle hinausgehen und entlang des gesamten KI-Lebenszyklus – von Daten über Basismodelle bis zu Betrieb und Anwendungen – entwickelt und eingesetzt werden sollen.

EuroQCI und Quantenprojekte: Souveränität in der sicheren Kommunikation

Ein weiterer, oft unterschätzter Baustein der digitalen Souveränität ist die sichere Kommunikation sensibler Regierungs- und Infrastrukturdaten. Mit der European Quantum Communication Infrastructure (öffnet in neuem Tab) (EuroQCI) baut die EU ein integriertes System aus satelliten- und glasfaserbasierten Quantenkommunikationsnetzen auf, das den Austausch von kryptografischen Schlüsseln auf Basis der Quantenphysik ermöglicht.

Finanziert über CEF Digital (öffnet in neuem Tab) sollen so nationale Netze und europäische Verbindungen entstehen, die ein bisher unerreichtes Sicherheitsniveau bieten und die Abhängigkeit von außereuropäischen Verschlüsselungslösungen reduzieren. EuroQCI knüpft dabei an Forschungsarbeiten der Quantum Technologies Flagship-Initiative (öffnet in neuem Tab) und Projekte wie OPENQKD (öffnet in neuem Tab) an und setzt bewusst auf europäische Komponenten und Anbieter. Die Initiative ist damit zugleich essentiell für europäische Sicherheitspolitik, Innovationsförderung und Industriepolitik.

Chancen und Herausforderungen für Unternehmen

Für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in Europa eröffnen diese Förderprogramme mehrere Ebenen von Handlungsoptionen. Zum einen bieten sie direkten Zugang zu Finanzmitteln, wie etwa über Konsortialprojekte im Programm „Digitales Europa“ oder Beteiligungen an IPCEI-Vorhaben entlang der Wertschöpfungskette. Zum anderen schaffen sie mittelfristig ein Ökosystem europäischer Angebote: von souveränen Cloud‑ und Edge‑Diensten über spezialisierte Datenräume bis hin zu europäischen Komponenten in Kommunikationsnetzen und Rechenzentren.

Gleichzeitig bleibt der Weg zur tatsächlichen digitalen Souveränität anspruchsvoll. Die Praxis zeigt, dass die Programme trotz breiter Zielgruppe vor allem von großen, gut vernetzten Unternehmen und forschungserfahrenen Akteuren abgerufen werden, da komplexe Antragsportale, hohe Kofinanzierungsanforderungen und lange Evaluierungsphasen für KMU und kleinere Verwaltungen erhebliche Zugangshürden darstellen. Bei IPCEI-Projekten kritisieren Beobachter (öffnet in neuem Tab) zudem eine geringe Transparenz, die starke Konzentration der Mittel auf wenige „Champions“ und ungleiche Beteiligungschancen zwischen Mitgliedstaaten.

Auch im Bereich EuroQCI und CEF Digital erfordert die Teilnahme häufig grenzüberschreitende Konsortien und hochspezialisierte Expertise, sodass viele potenzielle Nutzerinnen und Nutzer zwar politisch adressiert werden, faktisch aber nur über konsolidierte nationale oder sektorale Gatekeeper Zugang zu den entstehenden Infrastrukturen erhalten.

Komplexe Antragsprozesse, hoher Koordinationsaufwand im Konsortium und lange Projektlaufzeiten verlangen Unternehmen strategische Ausdauer ab. Hinzu kommt, dass Förderprojekte nur dann Wirkung entfalten, wenn sie in marktfähige Produkte, belastbare Geschäftsmodelle und interoperable Standards münden. Das setzt auch voraus, dass die entstehenden Lösungen Nutzerfreundlichkeit und Skalierbarkeit etablierter globaler Plattformen erreichen.

Dennoch gilt: Wer sich früh in und mit diesen Programmen positioniert, gestaltet nicht nur regulatorische und technische Rahmenbedingungen mit, sondern sichert sich zugleich einen Platz in den entstehenden europäischen Ökosystemen – vom Datenraum über die souveräne Cloud bis zur Quantenkommunikationsinfrastruktur. Für Europas digitale Souveränität sind diese Förderprogramme also kein Add-on, sondern der zentrale Hebel, um Visionen politischer Strategiepapiere in konkrete Infrastruktur, Technologien und Fähigkeiten zu übersetzen.

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