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Foto: Henrik Andree
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UdL Digital Talk Nachbericht:
Digitalisierung ist rasant wie Eishockey

24

Feb
2017

Veröffentlicht am 24.02.2017

Hat Deutschland die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen? Können wir überhaupt noch „digitaler Champion 2025“ werden? Beim UdL Digital Talk mit Christian Lindner und Raffaela Rein im Telefónica BASECAMP, moderiert von Cherno Jobatey, hieß die Antwort auf beide Fragen: Ja. Deshalb ist es höchste Zeit etwas zu tun, finden sowohl die Co-Gründerin und Geschäftsführerin der Lernplattform CareerFoundry als auch der FDP-Bundesvorsitzende. Für den Mann, der laut Telefónica Corporate Affairs Chefin Valentina Daiber „seine Partei führt wie ein Start-up“, ist Digitalisierung aber nicht wie Fußball, sondern wie Eishockey – schnelllebiger, härter und ohne Erbarmen. Die ersten beiden Drittel, in denen es um Hardware und digitale Plattformen ging, habe Deutschland verloren. Jetzt steht das dritte Drittel an, das Internet of Things. Dabei hätte Deutschland eine Chance – „wenn es die richtigen Weichen stellt“, so Lindner.

Winner oder Loser – wie wird Deutschland der Digitale Champion 2025? Foto: Henrik Andree

Lindner will den Gigabit-Masterplan

„Dem Staat Beine machen“ will Lindner, der Spitzenkandidat für die FDP bei der Bundestagswahl im September ist, nicht nur bei Themen wie E-Government. Nur wem in der Bundesregierung müsste man denn eigentlich Beine machen? Wer ist in Deutschland überhaupt für die Digitalisierung zuständig? Ein Digitalisierungsministerium, das die Digitalisierung hauptverantwortlich gestaltet, ist längst überfällig, findet der Politiker.

UdL Digital Talk - Cherno Jobatey mit Christian Lindner und Raffaela Rein

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Für den Ausbau der digitalen Infrastruktur hat Lindner auch einen Plan. An Orten wie Berlin-Mitte, wo die Nachfrage nach schnellem Internet groß ist, sollen die Telekommunikationsanbieter unter fairen Wettbewerbsbedingungen die Infrastruktur ausbauen dürfen. Für den ländlichen Raum, wo staatliche Fördergelder nötig sind, um den Ausbau der Infrastruktur voranzubringen, hat er einen anderen Vorschlag:

Er schlägt eine vollständige Privatisierung staatlicher Unternehmensanteile vor und fordert, das dadurch frei werdende Kapital in einen „Masterplan Glasfaserausbau“ für den ländlichen Raum zu investieren. Dafür erntete der FDP-Politiker erheblichen Applaus.

Deutschland braucht mehr Mut zum Ausprobieren

Neben der fehlenden Infrastruktur für das digitale Zeitalter fehle Deutschland auch eine echte Vision für die Digitalisierung, kritisierte Raffaela Rein. Gut gefällt ihr, wenn jemand wie Barack Obama einfach mal die 40 Top-Leute im Silicon Valley anruft und für seine E-Government-Reformen zu Rate zieht. „Bei uns wäre das undenkbar“, stellt sie fest. Überhaupt fühlt sich die Gründerin in Deutschland manchmal „wie im Zoo“. Vertreter der Industrie kommen regelmäßig zur „Start-up-Safari“ vorbei und schauen sich an, wie es dort so läuft. „Die finden das zwar alle ganz toll, aber ausprobieren tun wenige“, beklagt sich die Unternehmerin, die bevor sie 2013 CareerFoundry gründete, unter anderem schon für Rocket Internet und Axel Springer tätig war.

„Dieser Geist, Neues auszuprobieren und mit Start-ups zusammenzuarbeiten, ist nicht gut ausgebildet in Deutschland“ (Rein)

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In London sehe das ganz anders aus. Damit das Start-up-Ökosystem in Berlin und anderen deutschen Städten genauso floriert wie in der britischen Hauptstadt, müsse es laut Rein nicht nur einen Kulturwandel geben. Die Politik müsse auch nachhelfen und die Bedingungen für Kapitalgeber verbessern – zum Beispiel über niedrigere Steuersätze für Forschung und Entwicklung. Den Rückgang von Wagniskapital in Deutschland sieht Lindner genauso kritisch, von Subventionierung und Steuervergünstigungen hält er allerdings nichts. „Damit hat meine Partei auch keine guten Erfahrungen mit gemacht“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Dafür will er die Anlagepolitik in Deutschland liberalisieren. Wenn Lebensversicherungen und Versorgungswerke statt in Staatsanleihen in innovative Unternehmen investieren könnten, würde das einen enormen Investitionsschub ermöglichen. Und ein Bereich, in dem Lindner viel mehr öffentliche Gelder sehen will, ist die Gesundheit:

„E-Health, Life Science, Biomedizin – da können wir das Ökosystem mit ausbauen für Start-ups und wir können zugleich noch den Prozess unserer menschlichen Zivilisation verbessern, länger und gesünder leben. Das könnte ein Mondfahrtprojekt sein! Da hat man doppelten Nutzen“.

Man dürfe aber den Standort Berlin auch nicht zu schlecht reden. Für die Fintech-Branche sei Berlin schon jetzt ein begehrterer Standort als beispielsweise die Finanzmetropole Frankfurt.

„German Angst“ überwinden

Dass es in Deutschland mit der Digitalisierung noch nicht so gut klappt, liegt neben den politischen Rahmenbedingungen aber vor allem an der deutschen Angst vor Veränderung und vor dem Scheitern. Das beobachten beide Diskussionspartner. Als Raffaela Reins Eltern von ihren Gründungsplänen erfuhren, hätten sie zunächst die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sie gefragt: „Was, wenn du es nicht schaffst?“ Laut Lindner ist diese Angst vorm Scheitern symptomatisch für die deutsche Wirtschaft. Rein, die beim UdL Digital Talk ein Sweatshit mit der Aufschrift „Perfectly Imperfect“ trug, war damals aber von ihrer Vision und ihrem Lösungsansatz für den Mangel an IT-Fachkräften überzeugt und konnte trotz der Zweifel in ihrem Umfeld mit harter Arbeit ein erfolgreiches Unternehmen aufziehen.

Für mehr „Wir schaffen das!“-Spirit – Angela Merkels berühmte Worte wählt Lindner an dieser Stelle ganz bewusst – will der FDP-Politiker sich einsetzen. Für ihn steht fest:

„Wir brauchen keine Angst vor der Digitalisierung zu haben, höchstens davor, dass sie woanders stattfindet.“

Jobverluste durch die Digitalisierung seien keine echte Gefahr. Denn wir würden immerhin in einer alternden Gesellschaft leben und müssten froh sein, wenn die Digitalisierung den anstehenden Fachkräftemangel zumindest in Teilen auffangen kann, erklärte Lindner. Das bedingungslose Grundeinkommen, das viele inzwischen als Zukunftsmodell für die digitalisierte Welt diskutieren, sehen beide allerdings kritisch.

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Digitale Bildung als Chance

„German Angst“ zeigt sich auch in der Bildung. Warum lebenslanges Lernen in Deutschland immer noch mehr nach einer Drohung als nach einer Chance klingt, fragte Cherno Jobatey die Gründerin, deren Start-up CareerFoundry Online-Weiterbildungen für die wichtigsten Tech-Berufe in der digitalen Wirtschaft entwickelt.

„In anderen Ländern wird viel mehr in die eigene Bildung und in die eigene Zukunft investiert, auch mit eigenem Geld. Hier ist nach wie vor der Geist, das muss mein Arbeitgeber bezahlen, oder das muss der Staat bezahlen. Ich selbst investiere nicht in meine Zukunft. Als Resultat haben wir viel zu wenige Leute, die digitale Fähigkeiten haben und gute Ideen auch technisch umsetzen können“, monierte Rein.

Eine digitale Bildungsprämie müsse deshalb her, fordert sie, damit Leute mehr Lust auf digitales Lernen bekommen und den Bildungsunmut ablegen, den staatliche Bildung ihnen eingeprägt hat. Christian Lindner hat für eine Art Weiterbildungspflicht nichts übrig. Die Biografien und das Arbeiten haben sich seiner Ansicht nach geändert. Mehr Flexibilität, Selbstbestimmung und Lust auf Abwechslung seien jetzt schon Realität. Die staatliche Bildung müsse nun aufholen und denjenigen, die sich von sich aus für die digitale Welt fit machen wollen, eine Chance geben, so Lindner.

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