Michael Sandel im BASECAMP: Wir brauchen eine neue Privacy-Debatte

Veröffentlicht am 15.06.2016

Fotos: Christian Klant und Henrik Andree

Er ist ein „Philosoph mit dem globalen Profil eines Rockstars“ (BBC) und ein Harvard-Professor, der seine Vorlesungen nicht nur in Auditorien hält, sondern manchmal sogar ein Stadion dafür nutzen muss. Ganze 14.000 Zuhörer kamen zu seinem Auftritt in Korea und gestern war er bei uns zu Gast: Der weltbekannte Philosoph Michael Sandel debattierte über die Ethik im Zeitalter der Digitalisierung und das Telefónica BASECAMP war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das ungewöhnliche Konzept der Veranstaltung, bei dem das Publikum eine Hauptrolle spielte, ging voll auf.

Er hält die „besten sokratischen Dialoge seit Sokrates“, sagt Chris Patten, letzter britischer Gouverneur von Hongkong und heute der Kanzler der ehrwürdigen Oxford-Universität. Im Telefónica BASECAMP zeigte Michael Sandel wieder ein beeindruckendes Beispiel, als er eine scheinbar einfache Frage behandelte: Was ist eigentlich Privatsphäre?

Früher war die Antwort leicht, als es einfach das Recht war, in seinen eigenen vier Wänden in Ruhe gelassen zu werden. Doch mit der Digitalisierung kommen andere Fragen auf, die Michael Sandel mit dem Publikum diskutierte, um schließlich gemeinsam zu neuen philosophischen Erkenntnissen zu kommen.

Michael Sandel (Fotograf: Christian Klant)Unternehmen und Regierungen erfassen heute unglaubliche Datenmengen, um ihre Kunden damit besser zu bedienen oder die Bürger zu schützen. Doch die Bewertungen darüber gehen weit auseinander, was sich besonders bei der jungen Generation zeigt: Während der 63-jährige Michael Sandel sich bereits unwohl dabei fühlt, dass seine Vorliebe für die Fernsehserie Downton Abbey bei seinem Video-on-Demand-Anbieter genau bekannt ist, wird sein Sohn nicht einmal durch die Enthüllungen von Edward Snowden erschüttert.

Der ist erst Ende 20 und ihm ist es egal, ob die NSA erfährt, mit wem er telefoniert hat. Denn für ihn liegt die Grenze ganz woanders: Wenn seine Eltern auf solche Informationen zugreifen könnten, würde er es als Verletzung seiner Rechte sehen. Erste Erkenntnis: Bei der Frage nach Privatsphäre kommt es immer darauf an, wer solche Daten nutzen möchte und ob es mit einer Zustimmung geschieht.

Telefónica: Gesellschaftlicher Nutzen durch Datenanalyse

Darüber macht sich auch Telefónica Deutschland viele Gedanken. „Wir möchten, dass unsere Kunden ihr digitales Leben selbst formen und genießen können, ohne sich dabei Sorgen über die Sicherheit und die Nutzung ihrer Daten machen zu müssen“, sagte CEO Thorsten Dirks bei seiner Eröffnungsrede. Sie sollen die Hoheit über ihre Daten haben und deshalb müssen ihre Informationen sicher und vertraulich sein. „Doch wir möchten auch fähig sein, die Analyse von großen Datenmengen zum Vorteil der Gesellschaft zu nutzen, um beispielsweise Abgase zu reduzieren und Staus zu vermeiden“, fuhr er fort. „Dafür brauchen wir eine öffentliche Debatte, um einen gesellschaftlichen Konsens zu finden.“

Die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft sind ohne digitale Technologien nicht lösbar und Telefónica Deutschland trägt maßgeblich dazu bei, dass diese digitale Zukunft Wirklichkeit wird. Denn als Netzbetreiber bietet das Unternehmen die wichtigsten Grundlagen für die Digitalisierung an: Konnektivität und Datenanalyse. Doch Telefónica Deutschland gestaltet die digitale Transformation nicht nur als Unternehmen, sondern bringt sich auch in die öffentliche Debatte über die Zukunft der digitalen Welt und des gesellschaftlichen Zusammenlebens ein. Das Telefónica BASECAMP dient dabei als Zentrum der Debatte über die Digitalisierung.

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Neue Denkanstöße dafür gaben die Diskussionen, die Michael Sandel im Telefónica BASECAMP führte. Jeder konnte vor das Mikrofon treten, und den Positionen des berühmten Philosophen widersprechen. Der Harvard-Professor nahm diese Erwiderungen geschickt auf und ließ sie in seine Argumentation einfließen. Aus diesem Diskurs entstanden neue Erkenntnisse in Echtzeit, wie beispielsweise über die Frage, ob Krankenversicherungen die Gesundheitsdaten ihrer Kunden mit Wearables kontinuierlich erfassen und Rabatte für eine gesunde Lebensweise geben sollten.

Die Zuhörer waren sich zwar schnell einig, dass dieses neue Geschäftsmodell wohl die Freiheit einschränkt, Alkohol zu trinken oder zu Rauchen. Doch über die Vorteile wurde gestritten: „Es gibt mir den Anreiz, auf meine Gesundheit zu achten und dadurch länger zu leben“, sagte Rebecca aus dem Publikum. „Aber vielleicht will ich gar nicht so ein Leben führen?“, antwortete Nicole auf der anderen Seite des Raumes, während Michael Sandel aufmerksam zuhörte. Das Recht auf Privatsphäre bedeutet eben auch, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne dass man sie rechtfertigen oder kontrollieren lassen muss.

 

„Wir haben erkannt, dass Privacy-Debatten sehr schnell in Diskussionen über die persönliche Freiheit übergehen“, fasste der Philosoph am Ende des Abends zusammen. Ein neuer öffentlicher Diskurs über solche ethischen Fragen sei dringend notwendig, um die Demokratie zu stärken, forderte der Wissenschaftler, der sich auch gern einmischt, statt immer nur über Probleme zu philosophieren.

Parteien und Politiker adressieren oft nicht die Fragen, die am wichtigsten sind: über Gerechtigkeit und das Gemeinwohl, die Rolle der Märkte und was es bedeutet, ein Bürger zu sein“, sagt Michael Sandel. „Wir brauchen eine bessere Form, unsere Debatten zu führen und müssen die verlorene Kunst des demokratischen Argumentierens wiederentdecken.“ 

Im Telefónica BASECAMP hat er wieder 200 Leute dafür begeistert und im Publikum saßen auch Schauspieler und Musiker wie Ralph Herforth, Axel Schreiber, Guido Broscheit oder Kai Schumann. Auch Anja Heyde, Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins, kam mit einem Kollegen aus der Redaktion von Maybrit Illner, um Michael Sandel zu erleben.

Mehr Informationen:

Philosoph Michael Sandel zu Gast im Telefónica BASECAMP:
Wir brauchen einen Konsens, wie wir mit Daten umgehen wollen
(Telefónica-Blog)

Moralphilosoph Sandel:
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(heise.de)

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(Süddeutsche Zeitung)

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