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Sprachsteuerung:
Dein Haus hört mit

22

Feb
2017

Veröffentlicht am 22.02.2017

Fotos: Frederik Görtelmeyer
Die Unterhaltungselektronik muss sich immer wieder neu erfinden, um für Kunden interessant zu bleiben. Mit Hochdruck wird deshalb an Technologien gearbeitet, durch die solche Produkte noch angenehmer, effizienter oder vielseitiger werden. Der neueste Trend ist jetzt, das eigene Zuhause mit Spracherkennung auszustatten. Doch die neue Technik hat auch ihre Haken.

Aktueller Vorreiter ist Alexa, die weibliche Roboterstimme von Amazon, die aus den neuen Echo-Lautsprechern tönt. Und auch der Google Assistant bekommt immer mehr Funktionen. Inzwischen werden solche Lösungen in alle erdenklichen Produkte eingebaut, um uns im Haushalt zu unterstützen. Smart Home, also das vernetzte und automatisierte Zuhause, ist einer der größten Wachstumsmärkte im Bereich der Consumer Electronics. Von der Heizung bis zur Waschmaschine: Die Nutzer sollen sich schon bald mit vielen ihrer Haushaltsgeräte unterhalten können. Gehören also schmierige Touchscreens und knubbelige Knöpfe damit der Vergangenheit an?

Kuchenbacken oder Autofahren: Wenn Sprache hilft

Besonders in der Küche könnte die neue Technologie viele Vorteile bringen. Beim Kuchenbacken den Ofen einzuschalten, ohne vorher den Teig von den Händen waschen zu müssen, bringt einen gewissen Komfort mit sich. Und noch praktischer erweist sich die Sprachsteuerung beim Autofahren. Sie kann es dem Fahrer ermöglichen, das Radio oder die Sitzheizung zu bedienen, ohne dafür von der Straße wegzuschauen oder die Hände vom Lenkrad zu nehmen.

Komplexe oder sicherheitsrelevante Aufgaben: Manche Dinge muss man einfach sehen.

Komplexe oder sicherheitsrelevante Aufgaben: Manche Dinge muss man einfach sehen.

Doch selbst wenn es die aktuelle Presseberichterstattung vielleicht anders vermuten lässt: Von solchen Sonderfällen abgesehen, dürfte die Sprachsteuerung auch in Zukunft eine Randerscheinung bleiben. Sie wird dabei weniger durch die technologischen Möglichkeiten eingeschränkt als durch den Nutzer selbst. Der Mensch ist nämlich in erster Linie ein Augentier. Durch Grafiken und Texte versteht er viele Dinge einfacher und schneller als durch die reine Sprache. Schon nach wenigen Sätzen vergessen die meisten Zuhörer, was eben erst gesagt wurde. Das ist der Grund, weshalb bei Vorträgen üblicherweise Folien gezeigt werden, um die wichtigsten Punkte noch einmal hervorzuheben.

Erst nach dem Klick wird eine Verbindung zu YouTube aufgebaut. Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Und was heißt das für das Smart Home? Einfache Dinge lassen sich in einem intelligenten Zuhause tatsächlich mit kurzen Sprachbefehlen erledigen: den Ofen einschalten, die Rollläden herunterlassen und die Temperatur am Wasserhahn einstellen. Oder ein Musikvideo im Wohnzimmer aufnehmen und es von Amazon Echo sponsern lassen. Doch von einer Umgebung, die wirklich smart ist, sollte man auch erwarten können, dass sie sich selbst ohne Sprachbefehle auf den Menschen einstellt: Ich komme nach Hause und meine Wohnung reagiert sofort. Sie spielt meine Musik oder schaltet meine Lieblingsbeleuchtung ein, ohne dass wir erst lang reden müssen.

Sieben Fernfeldmikrofone: Immer auf Sendung

Für komplexe Anwendungen werden wohl auch unsere Enkelkinder noch visuelle Benutzeroberflächen verwenden. Die Sprachsteuerung bleibt damit ein netter Zusatz, der aber nur manchmal Vorteile bringt. Hinzu kommt, dass es auch aus Datenschutzgründen bedenklich ist, die eigene Wohnung mit Mikrofonen auszustatten, die mit Spracherkennung ausgestattet und an das Internet angeschlossen sind. Schon Computer und Smartphones oder Tablets können theoretisch gehackt und für Lauschangriffe genutzt werden. Doch die neuen Sprachassistenten sind noch einmal ein ganz anderes Kaliber.

Beispielsweise sind im Echo, dem sprachgesteuerten Lautsprecher von Amazon, sieben Fernfeldmikrofone verbaut. Sie sind darauf ausgelegt, auch dann noch mithören zu können, wenn der Sprecher weit entfernt ist oder laute Hintergrundgeräusche stören. Wer sich in ein solches System hinein hacken könnte, würde Tag und Nacht belauschen können, ohne dass er selbst überhaupt zuhören müsste. Der Computer würde einfach auf bestimmte Schlüsselbegriffe warten und diese Dialoge danach automatisch weiterleiten. Es reicht dann auch nicht mehr aus, wie in alten Agentenfilmen das Radio einzuschalten oder den Wasserhahn aufzudrehen, um die Lauscher loszuwerden. Das dürfte der Grund sein, warum die Anbieter immer wieder die besonders hohen Sicherheitsstandards ihrer Systeme betonen.

Ein lauschiges Wohnzimmer oder ein Haus, das mitlauscht?

Ein lauschiges Wohnzimmer oder ein Haus, das mitlauscht?

Zusätzlich ist eine Sprachsteuerung auch dafür anfällig, unbeabsichtigt bedient zu werden. Eine Taste lässt sich kaum drücken, wenn man nicht direkt vor dem Gerät steht. Aber Sprachbefehle können durch große Distanzen übermittelt und sogar mit Lautsprechern wiedergegeben werden. Erst kürzlich sorgte ein Moderator im amerikanischen Frühstücksfernsehen dafür, dass die Echo-Geräte seiner Zuschauern plötzlich versuchten, massenweise Spielzeug bei Amazon zu bestellen. Er hatte lediglich einen unbedachten Satz in seiner Sendung gesagt: “Alexa, kauf mir ein Puppenhaus.

Ob die Sprachsteuerung also wirklich ein großer Hit wird, muss sich noch zeigen. In einigen Situationen und für bestimmte Personen ist es sicher hilfreich, wenn die Geräte sich auch ohne Hände bedienen lassen. Deshalb ist es gut, dass die Spracherkennung weiterentwickelt wird. Ob man sie aber wirklich zu Hause braucht, nur damit man nicht zur Fernbedienung greifen muss, sollte lieber jeder selbst entscheiden. “Deine Welt. Deine Wahl”, sagt man dazu bei Telefónica Deutschland.

Wir weisen darauf hin, dass bei unseren öffentlichen Veranstaltungen auch Bild- und Tonmaterial in Form von Fotos oder Videoaufzeichnungen durch von uns beauftragte oder akkreditierte Personen und Dienstleister erstellt wird. Die Aufnahmen werden für die Event-Dokumentation und Event-Kommunikation auf den Social-Media-Kanälen des BASECAMP genutzt. Sie haben das Recht auf Information und weitere Betroffenenrechte. Informationen zu unseren Datenverarbeitungen sowie Ihren Betroffenenrechten finden Sie hier.

Über den Autor

Frederik Görtelmeyer arbeitet als Berater für User Experience und digitale Produktinnovation sowie als Design Thinking Coach. Zu seinen Auftraggebern zählen das SAP Innovation Center und die Telekom Innovation Laboratories. Er ist außerdem Co-Founder der stressfreien Social Media App Rohpost und Gründer des Online-Magazins Farbentaucher, in dem es um Design- und Architekturpsychologie geht. Darüber hinaus veranstaltet er regelmäßig Events wie das Berlin UXD Meetup oder das Design Thinking ToolFest.