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Car on demand: Wenn aus Verkehrsströmen mobile Datenströme werden (Bild: Stock.XCHNG / Petr Pokorny)
Artikel

Mobile Datenströme:
ein unterschätzter Mega-Trend

10

Jan
2013

Veröffentlicht am 10.01.2013

Autor: Florian Fischer

Mit Car on demand deutet sich ein Mega-Trend an: Mobilität auf Abruf. Der Service lockt Verbraucher – und deren Bewegungsdaten die Industrie.

Wenn von Bewegungsdaten und Sensoren die Rede ist, denken viele zunächst ausschließlich an Mobiltelefone. Dabei zeichnet sich im Bereich informatisierter Objekte ein weiterer, bisher unterschätzter Mega-Trend ab: Mobilität auf Abruf. Wohin die Reise geht, lässt sich bei sogenannten Car-on-demand-Diensten beobachten.

IT-gestütztes Car on demand

Anders als etablierte Car-Sharing-Angebote verzichten Mobilitätsdienste wie Car2Go, DriveNow oder Quicar auf feste Verleih-Stationen, an denen man die Autos abholt und wohin man sie zurückbringen muss. Stattdessen werden sie auf öffentlichen Parkplätzen geparkt. Das Verleihsystem bei Car on demand ist deutlich komplexer als beim stationären Car-Sharing: keine persönliche Übergabe, keine Autoschlüssel, ständig wechselnde Standorte. Die Anbieter bewältigen diese Komplexität mit Informationstechnologie: Per RFID-Chip hat sich der Mieter am Leihfahrzeug zu identifizieren, das mit einer mobilen Internet-Verbindung und zahlreichen Sensoren ausgestattet ist.

Die Fahrzeuge erfassen laufend Nutzungsdaten und spielen sie zurück an die Verleihfirmen. Diese erfahren so nicht nur, wer am Steuer sitzt, sondern bekommen viele weitere Informationen – vom Füllstand des Tanks über die Reisezeit bis zur Geschwindigkeit und dem Standort des Autos.

100 Sensoren überwachen das Auto

Rund 100 Sensoren erzeugen in modernen Autos Datenströme, die in Rechenzentren gesammelt und mit anderen verknüpft werden können (Floating Car Data). Die Unternehmen verwenden das Daten-Feedback zum Beispiel, um ihren Service zu optimieren, neue Anwendungen zu entwickeln, oder auch, indem sie die Daten verkaufen.

Das Auto, seit Jahrzehnten Sinnbild für Privatheit im öffentlichen Raum, wandelt sich bei Car on demand: vom privaten Gut zum Teil einer semi-öffentlichen Mobilitäts-Infrastruktur – gesteuert, reguliert und überwacht durch den Dienstanbieter.

Mobile Datenströme locken Automobilindustrie

Die Automobil-Industrie könnte die Daten auch nutzen, um fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme zu entwickeln. Mit Blick auf die strengen EU-Vorschriften zum CO2-Ausstoß und wachsende Erwartungen bei Verbrauchern bezüglich der Fahrsicherheit böte sich dies geradezu an.

Darüber hinaus zeigen sich Unternehmen der Automobil-Service-Industrie sehr interessiert, diese Art von Daten für maßgeschneiderte Produkte zu verwenden. Versicherungen zum Beispiel sind auf diesem Gebiet führend, indem sie Kunden auf Grund ihres Fahrverhaltens differenzierte Versicherungs-Tarife anbieten. Mancher mag sein Fahrverhalten verändern, um hohe Tarife zu vermeiden, und damit ein Stück Kontrolle ausüben. Doch unkontrolliert bleibt, wie sich Drittunternehmen mit den Informationen über das Verhalten der Nutzer einen Mehrwert verschaffen. TomTom, der Pionier des Crowd-Sourcing bei Navigationsdaten, nahm durch einen (umstrittenen) Fall im Jahr 2011 eine Führungsrolle ein. Das Unternehmen verkaufte die gesammelten Informationen über das Fahrverhalten seiner Kunden an die niederländische Polizei, die sie umgehend für ihr Radarfallen-System verwendete.

eCall-Richtlinie: Jedes neue Fahrzeug ab 2015 vernetzt

Die Weiterverwendung mobiler Datenströme durch Dritte geschieht bei freiwillig genutzten, geschlossenen Car-on-demand-Infrastrukturen hier und da. Doch der große Schub steht erst noch bevor, und zwar mit der Umsetzung der EU eCall-Richtlinie. Sie wurde zwar für Notsituationen ins Leben gerufen, doch de facto wird die Richtlinie ab 2015 jedes neu zugelassene Fahrzeug in der Europäischen Union zu einer mobilen und vernetzten Sensor-Plattform machen.

Die EU empfiehlt der Automobilindustrie sogar, die durch die Umsetzung der Richtlinie anfallenden Kosten durch Weiterverwendung der Daten zu decken. Und weitere Unternehmen stehen Schlange, um aus der Richtlinie eine Geschäftsmöglichkeit zu machen: Notfall-Management-Agenturen, Reparatur-Unternehmen und Versicherer wollen ihre Dienste mithilfe der Datenerhebung anpassen.

Privatsphäre der Nutzer in der Schwebe

Eine Kleinigkeit, mit der die Industrie noch nicht gerechnet hat, ist der Kunde. Bei der Umsetzung des Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung bleiben die über eCall versendeten Daten das Eigentum des Autobesitzers. Das bedeutet prinzipiell, dass der Autobesitzer das Recht hat zu entscheiden, welche Unternehmen welche Informationen zu welchem Zweck erhalten dürfen. Der deutsche Datenschutz-Experte Thilo Weichert schätzt, dass die meisten Autobesitzer beim Kauf von Sicherheits- und Servicepakete für das Fahrzeug der weiteren Nutzung ihrer entstehenden mobilen Datenströme zustimmen – freilich ohne zu ahnen, was diese Nutzung für Auswirkungen mit sich bringt.

Weichert: Aus-Taste für Weiterverwendung von Daten aus eCall-Richtlinie

Während Weichert für eine Aus-Taste für die Weiterverwendung von Daten aus der eCall-Richtlinie, beziehungsweise anderen europäischen Normen plädiert, sind wir bis heute von jeglicher Regulierung in diesem Sinne weit entfernt. Ähnlich dem deutschen “Geodaten-Kodex” –  der 2010 aus dem Widerstand gegen Google-Kameras für seinen Street-View-Dienst geweckt wurde – könnte eine Selbstregulierung durch die Industrie eine weitere Option sein.

Die zu erwartenden sozialen Auswirkungen mobiler Datenströme sind jedenfalls so umfangreich, dass ein (Selbst-)Regulierungsprozess bald eingeführt werden sollte, bevor die eCall-Richtlinie in Kraft tritt. Dieser Ansatz würde dazu beitragen, die Rechte der Nutzer zu stärken und dabei auch zukünftige Entwicklungen und die Akzeptanz von nützlichen Dienstleistungen sichern.

Die E-Plus Gruppe unterstützt das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft beim Aufbau einer Plattform zu Fragen der Internet-Regulierung. Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen dieser Kooperation auf UdL Digital.

Wir weisen darauf hin, dass bei unseren öffentlichen Veranstaltungen auch Bild- und Tonmaterial in Form von Fotos oder Videoaufzeichnungen durch von uns beauftragte oder akkreditierte Personen und Dienstleister erstellt wird. Die Aufnahmen werden für die Event-Dokumentation und Event-Kommunikation auf den Social-Media-Kanälen des BASECAMP genutzt. Sie haben das Recht auf Information und weitere Betroffenenrechte. Informationen zu unseren Datenverarbeitungen sowie Ihren Betroffenenrechten finden Sie hier.

Über den Autor

Die Autorin hat unser Unternehmen zwischenzeitlich verlassen. Quandt war bis zum Mai 2015 Leiterin des BASE_camps und hatte in dieser Funktion maßgeblichen Anteil am Ausbau des Flagshipstores in Berlin-Mitte zum digitalen Kompetenzzentrum und Treffpunkt der Szene mit diversen Liveformaten.