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12

Mai
2014

Veröffentlicht am 12.05.2014

Nach drei Tagen re:publica hat man das Gefühl, mehr und gleichzeitig weniger zu wissen als vorher. Mehr – denn so viele internationale Speaker mit umfassender Kompetenz in digitalen Angelegenheiten sind selten versammelt. Weniger – denn man erfasst die Bandbreite an möglichen Fähigkeiten, die man sich am liebsten sofort aneignen würde. Doch es ging bei der Konferenz nicht nur um handfeste Fertigkeiten, sondern auch um die geistige Haltung gegenüber der digitalen Zukunft. David Hasselhoff brachte bei seinem kurzen Auftritt seinen Standpunkt zu allen Fragen der digitalen Welt auf die Kurzformel „digitale Freiheit“ – und viel mehr hatte er dem Publikum auch nicht zu sagen.

Das Selfie als Sünde

Der wohl mutigste Beginn eines Vortrags war zugleich einer der letzten Programmpunkte. Gleich am Anfang wurde das Publikum aufgefordert aufzustehen und zu beichten. Man beichtete die eigene Einsamkeit angesichts der neuen Technologien, man beichtete die eigene Eitelkeit, in der man Selfies knipste und sie publizierte und ähnliches mehr. Darauf folgte ein gemeinsamer Gesang über Glanz und Gloria der Technik und ein nicht geringer Teil der Zuschauer dürfte sich zu diesem Zeitpunkt gefragt haben, wie viel davon tatsächlich ernst gemeint war.

Doch Alexa Clay, die sich zur Gruppe der Amish zählt, sprach in der anschließenden Diskussion ein wichtiges Thema an, welches auch die übergreifende Fragestellung der Konferenz gewesen sein könnte. Die Kultur der Amish, einer protestantischen Gruppe, die hauptsächlich in Pennsylvania in den USA lebt, pflegt grundsätzlich einen einfachen, in diesem Sinne auch technikarmen Lebensstil. Alexa, die junge Amish in einem altmodischen, langärmeligen Kleid und einer schwarzen Haube auf dem Kopf, gehört nichtsdestotrotz zur aufgeschlossenen Vertreterin ihres Glaubens, sie spricht ins Mikrofon und lässt sich filmen. Wir haben alle einen inneren Amish, ist sie überzeugt, denn so viele Menschen klagen, dass sie von all den Informationen überfordert sind und sich leer fühlen. Wir leben in einer „Tyrannie der Dringlichkeit“, kritisierte sie.

Die Entscheidung für die richtige Technik

Mittlerweile sind wir „stimulation junkies“, sagte einer ihrer Apostel, die sie für die Podiumsdiskussion mitgebracht hatte, wir sind ständige Höhepunkte und Eindrücke gewohnt. Man müsse schließlich auch auf gesunde Ernährung achten und soziale Medien seien Junkfood mit dem entsprechenden Langzeiteffekt. Es sei zu entscheiden, welche Technik einen versklavt und welche hilfreich ist. Ein eindringlicher Appell des Apostels richtete sich an die Zuhörer: Man sollte sich entscheiden, welche Art von Beziehungen man mit anderen Menschen haben will und wie ein erfülltes Leben aussehen könnte, bevor man entscheidet, welche Technik (oder gar keine) einem dabei hilft, dieses Ziel zu erreichen.

250 Stunden Programm mit Aufruf

In den drei Tagen Programm schwangen diese Überlegungen immer wieder mit. Wie wir uns im Netz verhalten sollen, welche Worte wir verwenden können und in welchen Projekten wir uns engagieren müssen – um diese Fragen drehten sich viele Vorträge. Der Beschimpfungswasserfall von Sascha Lobo war natürlich wie jedes Jahr ein traditioneller Höhepunkt der re:publica und auch der bekannteste Internetversteher rief sein Publikum auf zu überlegen, wie viel uns das Internet wirklich wert ist. Im Laufe der Konferenz wurde philosophiert und politisiert, es gab einen Stand mit essbaren Insekten und begleitende Podcasts. Am Ende lassen sich die rund 250 Stunden Programm in einem einfachen Aufruf zusammenfassen: Weniger reden, mehr handeln.

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